Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 13.04.15


4.3 Die forschenden Unterrichtsverfahren S.77-82
(P S.
203)

Ziel: Hohes Ausmaß an Schülerorientierung.


4.3.1 Beschreibung entwickelndes UV

Entwickelnde Verfahren gehören zu den eher geschlossenen, lehrerzentrierten Vorgehensweisen:

  1. Problemstellung

  2. Lösung

  3. Abstraktion

  4. Festigung.

Alle Stufen sind mehr oder weniger stark lehrerzentriert - ein (geschlossenes) Schülerexperiment durchbricht diese Einordnung noch nicht.

"Entwickelnd" beschreibt die Rolle des Lehrenden:

  • Einleiten des Lernprozesses

  • ggf. Mitteilen eines Lösungsplanes (oder auch nicht)

  • Steuern der Erkenntnisgewinnung

  • Beeinflussen des Lernprozesses nach pädagogischen und organisatorischen Gesichtspunkten

  • ggf. Verlagern eines Teils der Aktivität auf die Seite der Schüler

  • Sicherung des erworbenen Wissens und

  • Abstraktion der gefundenen Erkenntnisse, so dass sie auf die Lösung ähnlicher Situationen ebenfalls angewendet werden können.

4.3.2 Beschreibung forschendes UV

Das forschende UV gehört eindeutig zu den offeneren UM. Man geht davon aus, dass Lernende von vornherein ein Problembewusstsein besitzen und in der Lage sind, die Lösung zu planen und durchzuführen. Bsp.: Lernende der Jgst. 10 und höher vermuten oft, dass es sich beim Vernichtungskonzept um einen Beobachtungsfehler handeln muss, kennen aber keine Beweise. Sie können selbständig die Artikulationsstufen durchlaufen:

  1. Problemgewinnung/findung

  2. Lösungsplanung

  3. Lösung

  4. Abstraktion

  5. Festigung.

In der Stufe der Abstraktion ist die Hilfe des Lehrenden erwünscht und möglich, ohne dass Lehrerzentrierung unterstellt werden muss.

Forschen als Unterrichtsverfahren bedeutet, dass der Lernende mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, selbständig (für ihn) neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Wir verwenden die Bezeichnungen "forschend" und "forschend-entdeckend" synonym.

4.3.3 Kombination

Beide Verfahren lassen sich mit beliebigen Anteilen kombinieren; dieser Fall rechtfertigt den Doppelnamen.

Beispiel:




Folien: Artikulationsstufen der forschenden Unterrichtsverfahren am Beispiel


Folie: Übersicht über forschende UV


Exkurs: Bsp. für eine Methodenfolge innerhalb einer Unterrichtsstunde


Folie: Mögliche Struktur innerhalb einer Unterrichtsstunde


4.3.4 Kritik



Folien: Kritik der forschenden Verfahren

Weder die forschend-entwickelnde noch die forschend-entdeckende Unterrichtsmethode sind als Methode so schlecht, wie es die geringe Häufigkeit der Umsetzung in der Praxis vermuten ließe. Verbreitetster Fehler ist, dass das "Entwickeln" mit gängelndem Herausfragen verwechselt wird. Deshalb sollte "forschend-entwickelnd" keinesfalls mit "fragend" verwechselt werden (siehe auch "katechisieren").

Zitat: "Der fragend-entwickelnde Unterricht ist auch in anderen Ländern zu finden, aber kaum als dominantes Unterrichtsmuster. Das Unterrichtsgespräch hat seinen festen Platz, aber es wechselt mit anderen Phasen ab, die Schüler zum selbständigen Nachdenken, aber auch zum Gespräch miteinander bringen und die Lehrkraft entlasten. In diesen Phasen gewinnt die Lehrkraft jenen Spielraum, der für eine gute Diagnostik, für die Sichtung alternativer Lösungen, die Entdeckung produktiver Fehler und besonders intelligenter Beiträge sowie die Vorbereitung eines Unterrichtsgesprächs, das von geordneten Schülerbeiträgen ausgeht, notwendig ist. Problematisch ist die Dominanz des fragend-entwickelnden Unterrichts als eines modalen Unterrichtsskripts." Baumert, J., Wo steht Deutschland im internationalen Bildungsvergleich? http://www.zeit.de/reden/Bildung_und_Kultur/baumert_bildung.html, 21.05.2002

Problem 1: Das "Entwickeln" des Problems mit Hilfe von Fragen. Die Art der Fragestellung ist das alles Entscheidende: man bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen

  • Suggestivfrage: Welche Farbe hat die Lösung?

  • und der unausgesprochenen Aufforderung zum Raten

    • Was seht ihr? Alles.

    • Wer sieht etwas? Ich.

    • Was kann man dazu sagen? Nix.

    • Glaubt ihr, dass das funktioniert? Nein.

  • Positiv-Beispiel: "Achtet ´mal auf den Inhalt der Waschflasche: welche Veränderungen sind im Verlauf der Gaseinleitung zu beobachten?"

Problem 2: Der Vorteil der klaren Gliederung verführt dazu, Schülerfragen, die nicht zum geplanten Verlauf passen  aber Schülerinteresse ausdrücken, nicht zuzulassen oder nicht gebührend zu würdigen.

Problem 3: Bei der Auswahl der Experimente unterschätzt der Lehrer häufig seine Schüler: sie sind nicht so "kindlich" wie Lehrer sie häufig empfinden bzw. einschätzen.

Bsp.: Der Chemielehrer möchte die Leitfähigkeit von Stoffen für elektrischen Strom demonstrieren. Er bringt mit:
Fall 1: großen Eisennagel, Holzstäbchen, Glasstab...;
Fall 2: großen Eisennagel, Magnesiumband, lackierten (!) Kupferdraht, eloxierten (!) Alu-Stab, ...
Was glauben Sie, als wie interessant werden Schüler Fall1 und Fall2 empfinden?


Zur eigenen Kontrolle:

  1. Beschreiben Sie das forschende Unterrichtsverfahren mit Hilfe des Artikulationsmodells.

  2. Geben Sie an, wie sich die Varianten "entwickelnd" und "entdeckend" unterscheiden.


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    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de