Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 10.09.14


1 Einführung

S. 1-8


Hinweise
  1. Zitieren Sie Ihren ersten Satz in der ersten Chemiestunde zum Thema Säuren.
  2. Welche Ziele haben Sie persönlich für sich bezüglich dieser Veranstaltung?

1.1 Sie kennen Unterricht

Sie kennen alle Unterricht aus eigener Erfahrung:

  1. Der Lehrer kommt herein
  2. erzählt etwas
  3. stellt Fragen
  4. Schüler antworten, oder auch nicht...

...und dann, so die Vorstellung der Öffentlichkeit, gehen Schüler nach Hause und machen Hausaufgaben, der Lehrer legt sich aufs Ohr.

Mit dieser Vorstellung beginnen Lehramtsstudenten ihren ersten Unterrichtsversuch. Auch dann, wenn sie bezüglich der fachlichen Grundlagen in der Unterrichtsstunde ziemlich sicher sind, geht der Unterricht trotzdem in der Regel schief:

Zitat: "Ich hatte mir das so schön gedacht - aber irgendwie kamen die Schüler nicht auf die Antworten, es war wie verhext."

In der Nachbesprechung überlegt man sich dann gemeinsam, was war die Ursache? Eine der häufigsten Antworten ist: man hat die Komplexität dessen, was Unterricht sei, gewaltig unterschätzt. Wie konnte es so weit kommen?

Zitat: "Jedes pädagogische Feld muss als eine vieldimensionale Faktorenkomplexion aufgefasst werden". WINNEFELD, aus [2]


Folie: Das didaktische Dreieck, seine Beobachter und Beziehungen zwischen ihnen.

Lehrer  Schüler  Inhalt
fragt  antwortet  schwer
zeigt  macht nach leicht
erzählt  hört zu  langweilig
erklärt  beobachtet  abstrakt
schreibt an übernimmt  konkret
bestätigt  diskutiert  Formel
ruft zur Ordnung  äußern Langeweile Bild
lacht mault Text
lobt freut sich Experiment
straft  ärgert sich spannend

Tabelle: Was tun die Mitglieder des didaktischen Dreiecks?

Unterricht ist ein vielseitiger Interaktions- und Kommunikationsprozess. Dieser kann beobachtet werden. Beobachtet wird:

  • von innen: durch Lehrer, Schüler, Dienstvorgesetzen, Schulaufsicht und
  • von außen: z.B. durch Didaktiker, Pädagogen, Eltern, Politiker....

Übung Kommunikation:

  1. Wie stellt man in einem Hörsaal eine kommunikationsfreundliche Situation her?
  2. Studierende erzählen vom Orientierungspraktikum: Unterrichtsversuche, Erfahrungen, Schülerbild...

Ausbildungsproblem Nr. 1: die Studierenden zum kommunizieren zu bewegen.

Wenn man am Unterrichtsgeschehen beteiligt ist, fällt es schwer, gleichzeitig fundiert zu beobachten, denn Interaktion und Kommunikation fordern in der Regel "alle Sinne":

  • Sprechen
  • Hören
  • Beobachten
  • Bedienen von Medien
  • Überprüfen und Bewerten von Antworten
  • Vorausdenken
  • auf Störungen reagieren...

Dies ist der Grund, warum es zu dem Missverständnis kommt, Unterricht sei so, wie er sich uns in der eigenen Schulzeit präsentiert habe.

Erst die Reflexion als Beobachter von außen erlaubt eine fundierte Analyse des unterrichtlichen Geschehens.

Beobachter kann sein:

  • der (Fach)Didaktiker
  • der Studierende als Praktikant
  • der hospitierende (Fach)Kollege
  • der beurteilende Fachbetreuer oder Schulleiter als Dienstvorgesetzter.

Jeder Beobachter sieht etwas anderes. Dabei befindet man sich in der Lage eines Spaziergängers über eine Wiese.

Bild: Ein Erstklässler, Siebtklässler, Abiturient und ein Biologiestudent (6. Semester) gehen über eine Wiese. Was sehen sie?

  • Der Erstklässler sieht Gras und Blumen.
  • Der Siebtklässler sieht Gras, Löwenzahn und Hahnenfuß.
  • Der Abiturient sieht nichts (es interessiert ihn nämlich nicht oder er versteht die Frage nicht).
  • Der Biologiestudent sieht das mehrjährige Rispengras, die Quecke, Seggen, den Fuchsschwanz, kann den Löwenzahn vom Pippau, Habichtskraut und Bocksbart unterscheiden sowie den Wiesenbärenklau, Kerbel, Kümmel und Schierling von der wilden Möhre.

Als Student im 1. Semester befindet man sich, was die Beobachtung von Unterricht betrifft, auf dem Niveau des Siebtklässlers auf der Wiese (als 9. Semester in der Position des Abiturienten).

Definition: Unterricht ist die organisierte Form der Erziehung.

Metakognition:

  1. Welchen Sinn sehen Sie in der Übung zur Kommunikation?
  2. Diagnose des Ausgangszustandes, von dem Sie durch den Dozenten abgeholt werden müssen.

1.2 Die Didaktikausbildung in den Lehramtsstudiengängen

Wir unterscheiden:

  • Didaktik  = Wissenschaft vom Lehren, und
  • Mathetik = Wissenschaft vom Lernen.

Beide sind aber untrennbar miteinander verbunden, weil man nach heutigem Verständnis nichts erfolgreich lehren kann, ohne sich gleichzeitig zu fragen: wie funktioniert Lernen?

Die Fragen der Studierenden an ihre Lehramtsausbildung sollten sein:

  1. Wie funktioniert Lernen? Antworten sind von der (Schul)Pädagogik und (Lern)Psychologie zu erwarten.
  2. Wie funktioniert Lehren? Antworten sind von der allgemeinen Didaktik (ist Teil der Pädagogik) und der Fachdidaktik zu erwarten.

Die letzte Frage lässt sich weiter aufgliedern in:

  1. Welche Methoden stehen für das Lehren im Fach Chemie zur Verfügung? Antworten sind in der Vorlesung "Grundlagen der Didaktik der Chemie" zu erwarten. Übungsmöglichkeiten bieten ein projektartiges Seminar, Seminarvorträge, die "Übungen im Vortragen" und die beiden Schulpraktika (pädagogisches Blockpraktikum und Studienbegleitendes fachdidaktisches Praktikum).
  2. Welche "Hilfsmittel" (Medien) gibt es und wie setzt man sie richtig ein? Antworten sind in der Vorlesung mit Übungen "Medien und ihr Einsatz im Chemieunterricht" zu erwarten.
  3. Wie bringt man Medien und Methode im Sinne eines Zieles gewinnbringend zusammen? Antworten sind im Seminar "Planung von Unterricht" zu erwarten.

Das Lehramtsstudium für die meisten Schularten gliedert sich in drei Bereiche auf:

Folie: Studienplan für das modularisierte Studium Gym und RS, grafisch.

Die Fachdidaktik liefert dabei (einschließlich der fachdidaktischen Schulpraktika) ca. 8% der Leistungspunkte.


Folie:
Verteilung grundlegender Inhalte auf Veranstaltungen


Folie: Bild für den sinnvollen Umgang mit den Didaktik-Inhalten

Mit dem an der Universität erworbenen Wissen sollen Sie den Anforderungen des Vorbereitungsdienstes ("Referendarzeit", zweite Phase der Lehrerbildung) gewachsen sein. In der Regel haben Sie dort nicht die Zeit für grundlegende Bildung: auftretende Schwierigkeiten müssen Sie richtig einordnen und fachgerecht lösen.

Folie: Grafische Gliederung der Vorlesung

Ausbildungsproblem Nr. 2: die Erfahrungen der Studierenden mit ihren Lehrern aus der Schule so stark zu relativieren, dass sie sich für neuere Entwicklungen öffnen.

Der Grund: Ihre Lehrer sind oft 55-60 Jahre alt. Sie haben vor 30 Jahren gelernt, von Leuten, die damals auch deutlich über 50 Jahre alt waren. In der Regel haben Sie also erlebt, wie man vor 60 Jahren schon unterrichtete.

Auf der anderen Seite ist in der Pädagogik bekannt, dass Lehrmethoden über die Zeit sehr stabil, zu stabil sind.

Zitat: "Ich mach das schon 30 Jahre so" hört man oft, gemeint ist auch: deshalb muss es gut sein.

Aus mittelalterlichen Abbildungen und Beschreibungen muss man entnehmen, dass sich in den letzten 500 Jahren die Ausbildungsweise in Schulen kaum verändert hat. Allein vor 2500 Jahren, als die griechischen Philosophen meistens Einzelunterricht erteilten, müssen die Unterrichtsverfahren anders gewesen sein.

[2]

[1]
Schule im Mittelalter

Zitat:

"Wollen wir nur sämmtlich bedenken: DASS JEDER NUR ERFÄHRT, WAS ER VERSUCHT! Ein neunzigjähriger Dorfschulmeister hat die Erfahrung seines neunzigjährigen Schlendrians; aber hat er auch die Kritik seiner Leistungen und seiner Methode?... Möchten diejenigen, welche die Erziehung so gern bloß auf Erfahrung bauen wollen, (sich) ... bey der Chemie ... zu erkundigen würdigen, was alles dazu gehört, um nur einen einzigen Lehrsatz im Felde der Empirie so weit fest zu stellen, wie dies ... möglich ist. ... Erfahren würden sie da, daß man nicht eher von Erfahrung reden darf, bis der Versuch geendigt ist, bis man vor allem die RÜCKSTÄNDE genau geprüft,... Der Rückstand der pädagogischen Experimente sind die Fehler des Zöglings im Mannesalter."  Aus "Allgemeine Pädagogik", J. F. Herbart, Göttingen 1806, 9-11.


1.3 Diese Veranstaltung

Es sollte einem Didaktiker Unbehagen verursachen, über Formen und Methoden guten und weniger guten Unterrichts theoretisch zu dozieren, ohne vorzumachen, ausprobieren zu lassen oder konkrete Beispiele zu präsentieren. Durch Dozieren in frontaler Situation in der Veranstaltungsform "Vorlesung" werden genau jene Strukturen in den Köpfen unserer Studenten gefestigt, die sie aus der Monokultur erfahrener Unterrichtsmethoden aus ihrer eigenen Schulzeit mitbringen.

Sie werden nicht so unterrichten, wie Sie es an der Universität (theoretisch) gelehrt bekommen, sondern so, wie Sie Unterricht erfahren haben.

Die Folge ist eine gegenüber Veränderungen sehr resistente Lehrkultur, wie sie oft beklagt wird, wie sie aber auch sehr schwer zu durchbrechen ist.

Maßnahmen in dieser Veranstaltung:

  1. Dieses Skript im WWW soll als Leitfaden dienen und die verlässliche Faktengrundlage darstellen, auf die immer wieder, besonders zu Prüfungszwecken, zurückgegriffen werden kann. Entsprechend der Zeitplanung auf der Gliederungsseite müssen die Kapitel allerdings vorbereitet, d.h. vor dem Vorlesungstermin gelesen und durchdacht werden.
  2. Zum Vorlesungstermin werden durch den Dozenten Überblicke sowie historische Rückblicke gegeben und Erfahrungsbeispiele aus der Praxis angeboten.
  3. Die Selbsttätigkeit der Studenten besteht in Diskussionsbeiträgen und Kurzreferaten zu bedeutenden Begriffen. Die Kurzreferate sollen 10 Minuten Vortragszeit nicht übersteigen. Besonderer Augenmerk ist auf eigene Erfahrungen und Gedankengänge bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zu richten.

Die gewählte Arbeitsform ist für Studenten (und Dozenten) aufwändiger als eine herkömmliche Vorlesung:

  • der Dozent gibt Teile des Verlaufs aus der Hand und kann nicht im Detail voraussagen, welches Ergebnis am Ende seiner Vorlesungsstunde vorliegen wird; aber: ist das nicht typisch für hörer- bzw. schülerzentrierten Unterricht, den wir alle wünschen?
  • Studenten müssen auf jeden Fall auch außerhalb der unmittelbaren Vorlesungszeit Zeit für die wöchentliche Vorbereitung und das Referat investieren. Das verschiebt das Risiko stark auf ihre Seite: tun sie es nicht, haben sie von dieser Lehrform weniger als von der herkömmlichen Vorlesung. Tun sie es doch, erwerben sie wesentlich mehr als träges Prüfungswissen. Lernzeiten lassen sich nicht verkürzend "optimieren". Sollten zukünftige Lehrer nicht spätestens jetzt in die Lage versetzt werden, sich wenigstens mit ihrem eigenen Lernverhalten auseinander zu setzen?

Zur eigenen Kontrolle:

  1. Beschreiben Sie auf zwei verschiedene Weisen (je ein Satz), was Unterricht ist (sein soll).
  2. Beschreiben Sie in einem Satz, welches Ihrer Meinung nach die bedeutendsten Inhalte dieser Unterrichtseinheit sind.
  3. Geben Sie Vorschläge für Klausurfragen ab. Wenn mehr als drei eingehen, kommt eine davon dran.

Quellen:

  1. Quelle vom 05.11.07 verschollen.

  2. unbekannt.

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    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de