Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 20.09.10

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Warum und womit färbt man Lebensmittel?

Vortrag von Steffen Lorenz im Rahmen der "Übungen im Vortragen mit Demonstrationen - OC", SS 2001

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Gliederung:

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1. Gründe für die Färbung von Lebensmitteln

Der Verbraucher nimmt die Lebensmittel zunächst optisch wahr. Von der Farbe der Lebensmittel hängt es nun ab, ob diese angenommen oder abgelehnt werden: für den Konsumenten hat die Farbe die Funktion eines Qualitäts- und Frischesiegels. Nachdem "das Auge mit isst", ist es wichtig, die charakteristische Färbung der Lebensmittel bei ihrer Lagerung und Zubereitung zu erhalten. Demnach ist eine Färbung erforderlich:

bulletbei verarbeitungsbedingten Farbverlusten
bulletzur Farbkorrektur bei einem Produkt, welches durch andere Inhaltsstoffe einen schwächeren Farbton besitzt als vom Verbraucher erwartet wird
bulletum eine gleichbleibende Farbe zu erreichen
bulletum den lebensmitteltypischen Geschmack erkennbar zu machen.

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2. Natürliche Farbstoffe

Hierunter versteht man Farbstoffe, die natürlicherweise in Lebensmitteln vorkommen.

2.1 Isoprenoid-Derivate

Isoprenoide sind Verbindungen, die aus "Isopren-Einheiten" aufgebaut sind.
Vertreter: beta-Carotin in Orangenlimonade

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Abb. 1: Strukturformel von beta-Carotin

Als Chromophor, d. h. farbgebende Gruppe, fungiert ein ausgedehntes pi-Elektronensystem mit elf konjugierten Doppelbindungen. beta-Carotin ist gut fettlöslich, dagegen wasserunlöslich und muss zur Färbung von Getränken in eine wasserdispergierbare Form überführt werden. Es wird großtechnisch durch Extraktion aus Karotten gewonnen.

2.2 Tetrapyrrol-Derivate

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Abb. 2: Strukturformel von Chlorophyll a

Das Chlorophyll a-Molekül besteht aus vier Pyrrolringen, die zu einem augedehnten pi-Elektronensystem verknüpft sind. Ein zentrales Magnesiumatom ist komplex gebunden. Der esterartig gebundene Phytylrest [(2E)-(7R, 11R)-3,7,11,15-Tetramethyl- 2-hexadecenyl] verleiht dem Chlorophyll eine wachsartige Beschaffenheit. Chlorophyll besitzt nur eine geringe Farbstabilität, zudem ist es wasserunlöslich. Um es als Lebensmittelfarbstoff nutzbar zu machen, erfolgt zum einen die Abspaltung des Phytylrestes durch basische Verseifung, zum anderen wird das zentrale Magnesiumatom gegen Kupfer ausgetauscht. Auf diese Weise werden die wasser- und fettlöslichen Chlorophylline mit einer wesentlich höheren Farbstabilität erhalten.

Chlorophyll wird aus Luzernen oder Brennnesseln mit Alkohol oder Aceton extrahiert und zum Färben von Getränken, Gummibärchen und grünen Nudeln verwendet.

2.3 Anthocyane

Anthocyane sind glykosidische Farbstoffe, die im Zellsaft von Blüten und Früchten vorkommen. Die eigentlichen Farbstoffkomponenten enthalten keinen Zuckeranteil und werden als Anthocyanidine bezeichnet.

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Abb. 3: Strukturformel von Cyanidin

Den Anthocyanen liegt das Grundgerüst von Benzopyryliumsalzen (rot markiert) zugrunde. Die vorhandenen Hydroxylgruppen mit ihren freien Elektronenpaaren fungieren als Auxochrome, d. h. farbvertiefende Gruppen. Die Farbpalette der Anthocyane reicht von rot über violett bis hin zu blau. Die Farbe hängt davon ab, ob Metallionen [Fe(III), Al] vorhanden sind, mit denen die Anthocyane einen Eisen-Aluminium-Komplex bilden können. Cyanidin wird durch Extraktion von blauen Trauben, Kirschen, Pflaumen und Preiselbeeren gewonnen und zum Färben von Brausen und Süßwaren verwendet.

2.4 Betalaine

Betanin ist der Hauptbestandteil der Rote-Bete-Farbstoffe.

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Abb. 4: Strukturformel von Betanin

Als Chromophor liegt ein konjugiertes Doppelbindungssystem vor. Erwähnenswert ist zudem die glykosidische Verknüpfung mit einem Molekül beta-D-Glucopyranose. Betanin wird als Extrakt aus den Wurzeln der Roten Bete gewonnen. Zur Färbung von Eiscreme, Gummibärchen und Brausetabletten wird ein eingedickter oder pulverisierter Pflanzensaft verwendet.

2.5 Curcuminoide

Diese gelben Farbstoffe werden in den Wurzeln von Curcuma longa L. (Fam. Zingiberaceae) gebildet und aus diesen extrahiert.

  Curcuma longa2.jpg (7046 bytes)  curcum-l2.jpg (15147 bytes)

Abb. 5: Curcuma longa L. [15, 17]

Die Farbigkeit von Curcumin lässt sich durch die Möglichkeit der Keto-Enol-Tautomerie erklären (siehe Abb. 6).

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   Abb. 6: Strukturformeln von Curcumin (oben: Keto-Form ; unten: Enol-Form)

Curcuminoide werden nicht nur zur Färbung (Currypulver), sondern auch als Gewürz verwendet.

2.6 Riboflavin

Dieser gelbe Farbstoff wurde zuerst aus Milch isoliert und daher früher auch Lactoflavin genannt. Heute wird Riboflavin synthetisch hergestellt. Es handelt sich also um einen naturidentischen Farbstoff, der z.B. Vanillepudding zugesetzt wird.

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Abb. 7: Strukturformel von Riboflavin

Den Chromophor des Riboflavins bildet ein Isoalloxazin-Ringsystem (rot markiert). Ein weiterer charakteristischer Bestandteil ist die D-Ribityl-Seitenkette. Es handelt sich um ein chinoides System, worauf Farbigkeit und Redoxeigenschaften beruhen.

Versuch: Riboflavin [nach 7]

Zeitbedarf: ca. 5 min (ohne Extraktion)
Ziel: Extraktion von Riboflavin aus Vanille-Puddingpulver, Nachweis durch Bestrahlung mit UV-Licht, Aufzeigen von Redoxeigenschaften
Zusammenhang: (natürliche) Redoxsysteme, Fluoreszenzlicht
Material:
bullet2 Bechergläser (20 ml und 250 ml)
bullet2 Rührfische
bullet1 Magnetrührer
bullet1 Glastrichter
bullet1 Papierfilter (passend für den Glastrichter)
bullet1 Rundkolben (1 Liter)
bullet1 Pasteurpipette
bulletUV-Analyselampe (366 nm)
Chemikalien:
bulletVanille-Puddingpulverextrakt
bulletfrisch bereitete, gesättigte Natriumdithionit-Lösung
Vorbereitung: Herstellung von Puddingpulverextrakt: 8 g Vanille-Puddingpulver mit 200 ml Wasser in einem Becherglas aufschlämmen, 5 min auf dem Magnetrührer rühren und anschließend filtrieren.

Natriumdithionit-Lösung: 2 g Na2S2O4 werden in 10 ml H2O (dest.) gelöst

Durchführung 1: Anmerkung: die gesamte Versuchsdurchführung sollte im Dunkeln erfolgen!

Das Filtrat wird im Rundkolben mit der UV-Lampe (366 nm) bestrahlt.

Durchführung 2: Es wird tropfenweise die gesättigte Natriumdithionit-Lösung zugegeben.
Durchführung 3: Der unverschlossene Rundkolben wird kräftig geschwenkt.
Beobachtung 1: Bei der Bestrahlung kommt es zu einer intensiven neongelben Fluoreszenz der Lösung.
Beobachtung 2: Die Fluoreszenz verschwindet.
Beobachtung 3: Die intensive neongelbe Fluoreszenz der Lösung tritt wieder auf.
Ergebnis 1: Riboflavin wird über die Fluoreszenz nachgewiesen.
Ergebnis 2: Riboflavin wird durch die Natriumdithionit-Lösung zu Dihydroflavin reduziert. Dihydroflavin zeigt keine Fluoreszenz!
Ergebnis 3: Dihydroflavin wird durch Luftsauerstoff zu Riboflavin reoxidiert.
Entsorgung: E1
Hintergrund: Biochemie der Flavine:
Der Isoalloxazinring der Flavine dient im Stoffwechsel als Redoxsystem. Die im Körper wirksamen Coenzyme bzw. prosthetischen Gruppen heißen FAD (Flavinadenindinucleotid) und FMN (Flavinmononukleotid); sie besitzen Riboflavin (Vitamin B2) als Strukturelement.

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Abb. 8: Schematische Darstellung der Reduktion und Reoxidation von Riboflavin

2.7 Cochenille

Synonyme: Karminrot, Karminsäure. Dieser Farbstoff, der die rote Farbe des Campari hervorruft, wird aus Schildläusen (Dactylopius coccus) extrahiert.

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Abb. 9: Dactylopius coccus auf Feigenkaktus [16]

Eigentlich stammt die Cochenille jedoch aus dem Saft von Feigenkakteen, den die Läuse aufsaugen.

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Abb. 10: Strukturformel von Cochenille

Cochenille ist ein Anthrachinonfarbstoff. Das Anthrachinongrundgerüst (rot markiert) ist mit vier Hydroxlgruppen, die als Auxochrome fungieren, und einer Carboxylgruppe substituiert. Hierauf beruht auch die gute Wasserlöslichkeit von Cochenille. Bemerkenswert ist die Verknüpfung des Aglucons (Kermessäure) mit beta-D-Glucopyranosyl in Form eines C-Glucosids. Der Naturfarbstoff Cochenille ist der einzige Lebensmittelfarbstoff "tierscher" Herkunft.

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3. Synthetische Lebensmittelfarbstoffe

3.1 Azofarbstoffe

Sie bilden die größte Gruppe der synthetischen Lebensmittelfarbstoffe.

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Abb.11: Strukturformeln von Gelborange S (links) und Cochenillerot A (rechts)

Als Chromophor besitzen die Azofarbstoffe eine Azo-Gruppe (rot markiert), die als eigentlicher Farbträger anzusehen ist. Über diese Azo-Brücke werden zwei aromatische Ringsysteme, die unterschiedlich mit Auxochromen (meist Hydroxyl- und Natriumsulfonatgruppen) substituiert sind, miteinander verknüpft.

Beide abgebildeten Farbstoffe werden zur Färbung von Lachsersatz verwendet. Cochenillerot A findet sich auch in Früchtekonserven (Erdbeeren in der Dose); Gelborange S zusammen mit anderen gelben Farbstoffen in manchen Vanillepuddings.

3.2 Triarylmethanfarbstoffe

Sie sind gekennzeichnet durch ein zentrales sp2-hybridisiertes C-Atom, welches mit drei Arylresten verknüpft ist (rot markiert).

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Abb. 12: Strukturformel von Patentblau V

Patentblau V wird zur Färbung von Glasuren verwendet; zusammen mit Gelborange S und Chinolingelb bildet es die grüne Farbe der Waldmeister-Götterspeise.

3.3 Indigofarbstoffe

In Gummibärchen findet Indigotin als blauer Farbstoff Verwendung.

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Abb. 13: Strukturformel von Indigotin

Die tiefe Farbe des Indigo beruht auf der speziellen Verknüpfung der Atome seines Grundgerüsts (rot markiert). Die beiden Sulfonsäuregruppen in den Positionen 5 und 5´ bedingen die Wasserlöslichkeit von Indigotin.

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4. Literatur

  1. Belitz, H.-D. / Grosch,W.: Food Chemistry, 2nd Edition, Springer Verlag Berlin-Heidelberg 1999.
  2. Bertram, B.: Farbstoffe in Lebensmitteln und Arzneimitteln, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 1989.
  3. Beyer, H. / Walter, W.: Lehrbuch der organischen Chemie, 23. Aufl., Hirzel Verlag Stuttgart 1998.
  4. Falbe, J. / Regitz, M.: Römpp Lexikon Chemie, 10. Aufl., Thieme Verlag Stuttgart-New York 1996.
  5. Kirk, R. E.: Encyclopedia of chemical technology, 4th Edition, John Wiley & Sons, New York 1994, 6, 892 ff.
  6. Kläui, H. / Isler, O.: Warum und womit färbt man Lebensmittel ?; In: ChiuZ, 1981, 15, 1-9.
  7. Laier, B. / Pfeifer, P.: Riboflavin (Vitamin B2); In: NiU-Chemie, 1996, 31, 28-29.
  8. Nuhn, P.: Naturstoffchemie, 3. Aufl., Hirzel Verlag Stuttgart-Leipzig 1997.
  9. Otterstätter, G.: Die Färbung von Lebensmitteln, Arzneimitteln, Kosmetika, 2. Aufl., Behr´s Verlag Hamburg 1995.
  10. Otterstätter, G.: Die Färbung von Lebensmitteln in der Europäischen Union.
  11. Otterstätter, G.: Dragocolor-Farbenlexikon 2001.
  12. Otterstätter, G.: Lebensmittelfarbstoffe - ein Überblick; In: Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1997, 102-104.
  13. Steglich, W. / Fugmann, B. / Lang-Fugmann, S.: Römpp Lexikon Naturstoffe, Thieme Verlag Stuttgart-New York 1997.
  14. Vaupel, E.: Färben von Lebensmitteln; In: Praxis der Naturwissenschaften- Chemie, 1999, Heft 2, 2-8.
  15. http://www.hortpix.com (Pfad: Costus-Cytisus, Curcuma longa), 26.07.2001.
  16. http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Lexikon/Cochenil.htm, 26.07.2001.
  17. http://www.heilpflanzen-datenbank.de, Buchstabe G "Gelbwurz", 26.07.2001.
  18. http://www.zusatzstoffe-online.de (Pfad: Lebensmittelfarbstoffe), 26.07.2001.

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