Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 20.12.11


Haare aus der Sicht des Chemikers

Vortrag von Julia Gallert und Miriam Engelhardt im Rahmen der "Übungen im Vortragen mit Demonstrationen - Organische Chemie", SS 06 und WS 09/10


Gliederung:

1 Interessante Informationen

2 Die ursprüngliche Bedeutung der Haare

3 Aufbau der Haare
     3.1 Grobgliederung des Haares
     3.2 Chemischer Aufbau des Haares
     3.3 Die unterschiedlichen Quervernetzungen
     3.4 Eigenschaften der Haare

4 Haarfarben

5 Haarveränderung

     5.1 Verwendete Mittel - Früher
     5.2 Verwendete Mittel - Heute
     5.3 Permanente / Oxidationsfärbung
     5.4 Blondierung

6 Dauerwelle

7 Literatur


Schon immer wurde vor allem bei Frauen spezielle Aufmerksamkeit auf die Haare gelegt, denn nicht nur Kleider machen Leute, auch Haare machen Leute und drücken extrem viel Persönlichkeit aus.

Der Examensball steht bevor und man(n)/frau geht zum Friseur. Dort liegen einige Bücher aus, worin man sich Informationen über die aktuellen Trends holen kann.

Aber was macht der Friseur mit den Haaren?


1 Interessante Informationen

  • Jeder Mensch hat durchschnittlich 100 000 Haare auf dem Kopf, insgesamt ca. 5 Millionen Haaranlagen, die jedoch nicht alle aktiv sind.
  • Dicke der Haare: 0,15mm (sehr dick) bis 0,03mm (extrem dünn).
  • Blondes Haar ist dünner als dunkles Haar -Lebensdauer eines Haares: 2-7 Jahre - danach wird es ersetzt!
  • Man verliert ca. 50-100 Haare am Tag.
  • Ein Haar wächst täglich ca. 0,35mm (1cm im Monat) Im Sommer und während dem Schlafen wächst das Haar schneller.
  • Zwischen dem 16. und dem 24. Lebensjahr wächst das Haar am schnellsten.
  • Der Mensch besitzt 25.000 Körperhaare und bei den Kopfhaaren ist die Anzahl von der Haarfarbe abhängig bei roten Haaren 90.000 und bei blonden Haaren 140.000, Brünette ca. 100 000.
  • Rekord: Längsten Haare der Welt: Über drei Meter [2,8]


Abb. 1: Die längsten Haupthaare der Welt [5]


2 Die ursprüngliche Bedeutung der Haare

  • Schutz gegen Wärme und Kälte
  • Gegen Schläge und Hiebe
  • Halt für das Baby, das sich an die Mutter klammert
  • Vielseitige Schutzfunktionen [7]

3 Aufbau der Haare

3.1 Grobgliederung des Haares

Man kann das Haar in 2 verschiedene Abschnitte teilen. Die Haarwurzel und den Haarschaft. Letzterer, der lebende Teil des Haares besteht aus folgenden Bestandteilen:

3.1.1 Cuticula - Schuppenschicht

Die Cuticula ist die äußerste Schicht des Haares, sie umgibt und schützt das Haar vor äußeren Einflüssen. Sie besteht aus mehreren Lagen winziger Schutzschilder, die sich zu einer Barriere verbinden. Das heißt die flachen, abgestorbenen und verhornten Zellen (=Schuppen) liegen dachziegelartig übereinander. Diese Schuppen sind Indikatoren für gesundes bzw. auch für krankes Haar. Denn liegen diese flach an, glänzt das Haar lebendig und natürlich. Wird das Haar geschädigt, stehen sie ab. Vergleichen kann man dies mit einem Tannenzapfen (Abb. 3 und 6). Die Cuticula ist mit einer Fettschicht aus der Talgdrüse der Kopfhaut überzogen (=Talgschicht).

Abb. 3: geschlossener Tannenzapfen [15] Abb. 4: gesundes Haare dessen Schuppen anliegen [16] Abb. 5: krankes Haar dessen Schuppen abstehen [17] Abb. 6: geöffneter Tannenzapfen [18]

3.1.2 Cortex - Faserstamm

Der Cortex liegt unterhalb der Cuticula. Diese Faserschicht besteht aus vielen, dünnen Zellsträngen, die zu einem dicken „Seil“ gebündelt sind (= Keratin). Sie verleiht dem Haar Stärke, Elastizität und Farbe. Sie ist für den Friseur die entscheidende Schicht. Liegt die Cuticula perfekt an, ist der Cortex vor äußeren Einflüssen geschützt.


Abb. 7: Aufbau des Haares (Übersicht) [19]

3.1.3 Medulla - Mark

Das Mark liegt direkt unter dem Cortex. Es variiert je nach Haardicke und ist nicht bei allen Menschen vorhanden. Das Mark wird auch als „Geheimnis“ bezeichnet, da sein genauer Zweck nicht bekannt ist. Man geht jedoch davon aus, dass seine faserige Struktur dem Haar einen gewissen Halt verleiht. [7,15]


Abb. 8: Schematischer Aufbau eines Haares im Querschnitt. grau: Talgschicht, hell blau: Cuticula, rosa: Cortex, dunkel blau: Medulla.

3.1.4 Wurzel

In der Wurzel befindet sich der Haarfollikel, in dem das Haar entsteht und durch die Kopfhaut stößt. Die Matrix (=Mutterzellenschicht) ist ein einschichtiges Epithel im Inneren und produziert keratinbildende Zellen in den Keranocyten und pigmentbildende Zellen in den Eu- und Phäomelanocyten. Die Papille ist der unterste Bereich der Wurzel und besteht aus Bindegewebe. Sie wird von feinen Gefäßen versorgt und Nervenbahnen enden hier. Zusätzlich ist ein Haarbalgmuskel an jedem Haar befestigt.

3.2 Chemischer Aufbau des Haares

Hauptelemente des Haares sind: Kohlenstoff (C), Sauerstoff (O), Stickstoff (N), Wasserstoff (H) und Schwefel (S). Sie setzen sich zu Aminosäuren zusammen. Hierbei sind v.a. die hydrophoben Aminosäuren, wie z.B. Cystein wichtig. Diese wiederum bilden durch Polymerisation ein Polypeptid. Das Polypeptid bildet durch sogenannte Querverbindungen eine α-Helix (Sekundärstruktur). Als Tertiärstruktur wird die so genannte Superhelix genannt, die aus zwei α-Helices besteht. Die nächst größere Einheit bezeichnet man als Protofilament. Die Protofibrille liegt in einer 9+2 Struktur vor (zwei zentrale Protofilamente in der Mitte und neuen weitere außen herum angeordnet). Die größere Struktureinheit wird Mikrofibrille genannt, die folgende Makrofibrille. Viele Makrofibrillen setzen sich zur Cortex zusammen. [7,15]

Tab. 1: prozentuale Angabe der Elemente in Keratin

ELEMENTE Keratin [%]
Kohlenstoff 50
Sauerstoff 23
Stickstoff 17
Wasserstoff 6
Schwefel 4

 


Abb. 9: links: allgemeine Darstellung einer Aminosäure, rechts: hydrophobe Aminosäure Cystein.

3.3 Die unterschiedlichen Quervernetzungen

3.3.1 Die Wasserstoffbrücken

Sie sind mit verantwortlich für die Elastizität des Haares. Diese Brücken sind hauptsächlich Längsverbindungen innerhalb der Molekülgitter des Haares. Sie lösen sich durch den Einfluss von Wasser, so ist es möglich die Haare kurzzeitig zu locken.

3.3.2 Die Salzbrücken

Sie sind noch teilweise wasserlöslich und werden aber besonders von Säuren und Laugen gelockert. Beim Trocknen des Haares bilden sich die Salzbrücken neu. Diese Brücken sind hauptsächlich Querverbindungen innerhalb der Molekülgitter des Haares.

3.3.3 Die Disulfidbrücke

Diese starken Brücken stellen recht stabile Querverbindungen zwischen den Peptidspiralen her. [4]

Abb. 10
: Disulfidbrücke (schwarz zwischen Schwefelatomen)

Abb. 11: Schematische Darstellungen der verschiedenen Bindung innerhalb der Helices des Haarkeratins; rot: Wasserstoffbrücken, blau: Ionenbindungen, gelb: Disulfidbrücken [12].

3.4 Eigenschaften der Haare

Haare haben spezifische Eigenschaften. Zum einen zweigt es eine spezielle Reaktion auf Säuren und Basen. Bringt man das Haar zusammen mit sauren Substanzen entquellt das Haar und die Schuppenschicht schließt sich. Bringt man das Haar hingegen in Verbindung mit einer Base quellt das Haar auf und die Cuticula stellt die Schuppe ab. Somit ist das Haar nun angreifbar. Des Weiteren ist das Haar hydrophob, zum einen durch die hydrophoben Reste der Aminosäuren und zum anderen durch die zusätzliche Talgschicht über dem Haar. Trotzdem ist das Haar aber hygroskopisch, kann somit Wasser aufnehmen. Man spricht hierbei vom „Bentzbarkeitsparadoxon“. Zusätzlich sind, vor allem noch chemisch unbehandelte Haare sehr reißfest und belastbar. Je mehr Disulfidbrücken das Haar hat desto belastbarer.


4 Haarfarben

Die Gene bestimmen die Farbe des Haares. Der Melaningehalt bestimmt die individuelle Haarfarbe. Es gibt zwei verschiedene Typen von Melanin, die für die verschiedenen Farbvarianten des Haares verantwortlich sind. Somit ergeben sich 11 bzw. 12 verschiedene Tontiefen, die von Schwarz bis Helllichtblond reichen. Das natürliche Erscheinungsbild der Haare hängt eng zusammen mit dem Hautton und der Augenfarbe und ist deshalb ein Hauptbestandteil der Farbtypenlehre. Das Eumelanin ist das Schwarz-Braun-Pigment. Es entscheidet hauptsächlich über die Farbtiefe des Haares. In braunem und schwarzem Haar kommt es in deutlich erkennbaren Körnchen vor. Das Phaeomelanin ist das Rot-Pigment. Es ist verantwortlich für hellblonde, blonde und rote Haare. Dieses Melanin ist von seiner Struktur her sehr viel feiner und kleiner als das Eumelanin. Durch das Mischungsverhältnis entstehen unterschiedliche Haarfarben.

  • Blondes Haar: wenig Eumelanin, viel Phaeomelanin
  • Rotes Haar: sehr wenig Eumelanin, viel Phaeomelanin
  • Dunkles Haar: viel Eumelanin, wenig Phaeomelanin.[3, 14]


Abb. 12: Biosyntheseweg der Pigmente Eumelanin und Phäomelanin.


5 Haarveränderung

5.1 Verwendete Mittel - Früher

Schon früh färbten Frauen ihre Haare. Im Orient verwendeten sie Henna und Indigo. Die Römerinnen bleichten ihre Haare mit Kalk und färbten sie dann mit Buchsbaumholz gelb. In Nordeuropa färbten sie mit Efeu und Holunderbeeren, wodurch warme Töne erzielt werden konnten.


Abb. 13: Verwendete Färbemittel - Früher [u.a. nach 20]

5.2 Verwendete Mittel - Heute

Die Pflanzenfarbstoffe werden von synthetischen Farbstoffen weitgehend verdrängt.

5.3 Permanente / Oxidationsfärbung

5.3.1 Tönen

Fertigfarbstoffe färben das Haar an und sind Hauptbestandteile der Tönungen. Sie dringen in das Haar ein und haften an den Molekülen der Schuppenschicht. (Farbanlagerung an die Cortex)

5.3.2 Echte Haarfarben

Man bezeichnet diesen Vorgang auch als chemische additive Farbeinlagerung. Alkalien (Ammoniak) in der Färbepaste lassen das Haar quellen. Die Schuppenschicht öffnet sich und lässt die Wirkstoffe in das Haarinnere passieren. Das Wasserstoffperoxid zerstört die eigenen Pigmente. Dies führt zu einer Aufhellung und ermöglicht erst die direkte Färbung von dunklen Haaren (Blondierung). Nun dringen die kleinen farblosen Farbstoffvorstufen in das Haar ein und verteilen sich. Sie werden vom Wasserstoffperoxid oxidiert, blähen sich dabei auf, bekommen ihre Farbe und verankern sich im Haar und sind deshalb permanent und nicht mehr auswaschbar (Farbeinlagerung in die Cortex).

Abb. 14: naturbraunes Haar [11] Abb. 15: getöntes Haar (Farbanlagerung) [11] Abb. 16: gefärbtes Haar (Farbeinlagerung) [11]

5.4 Blondierung

Schon früh war blondes Haar bei den Frauen begehrt. Früher versuchte man, die Haare mit alkalischen Lösungen aus Holzasche, Kalk, Soda oder mit Hilfe der Sonne aufzuhellen. Es wurden auch Kräuterauszüge verwendet. Wer es sich leisten konnte, bestäubte das Haar mit Gold-, Silber- oder Kupferpulver, um es heller erscheinen zu lassen. All diese Methoden konnten die Leute natürlich nicht befriedigen. Die modernen Blondierverfahren gehen auf den Franzosen E. H. Thiellay zurück. Er verwendete im Jahre 1876 erstmals eine Blondierungslösung, die Wasserstoffperoxid in 3%iger Konzentration enthielt. Durch das alkalisch reagierende Ammoniak im Blondiermittel wird das Haar aufnahmefähig. Das Oxidationsmittel Wasserstoffperoxid zerstört die natürlichen Pigmente und hellt das Haar dabei auf. Beim Blondieren von braunen, dunklen oder rotbraunen Haaren kommt es leicht zu einem Rot- oder Orangeton. Beim Abbau der Pigmente im Haar entstehen neue Verbindungen, die das Haar rötlich erscheinen lassen. [10,14]


6 Dauerwelle

1940: die Kaltdauerwelle auf der Basis von Chemikalien.

Chemische Vorgänge bei der Kalt-Dauerwelle 17.1 Im glatten Haar kann man sich die Proteinstränge so wie in dieser Zeichnung vorstellen: Mehrerer schraubenförmige Proteinstränge sind untereinander durch sogenannte Schwefelbrücken zu einer Keratinfaser verbunden. 17.2 Wenn nun die Haare über einen Lockenwickler gewickelt werden, treten in verschiedenen Bereichen des gekrümmten Haares unterschiedliche Kräfte auf. Während die innere zum Wickler gerichtete Seite kaum unter Spannung steht ,wird die äußere Seite leicht gestreckt. Dies führt zu einer Strukturveränderung in der Proteinkette, die in der Abbildung durch die gezackte Form symbolisiert ist. Jetzt werden die Haare mit einem Wellmittel behandelt. Es hat reduzierende Eigenschaften und kann dadurch einen Teil der Schwefelbrücken öffnen. 17.3 Die fehlenden Querverstrebungen bewirken, dass die Spannungen im Haar ausgeglichen werden können. Das Haar passt sich der Form der Lockenwickler an. 17.4 Damit die neuen Locken stabil sind, muss diese Krümmung noch fixiert werden. Dafür werden neue Schwefelbrücken mit dem Oxidationsmittel Wasserstoffperoxid gebildet. Es kehrt die oben erwähnte Reaktion um. Ein Teil der zuerst geöffneten Schwefelbrücken wird wieder geschlossen. [9]


Abb. 17: Vorgänge bei der Dauerwelle [11]


7 Literatur:

  1. http://dc2.uni-bielefeld.de/dc2/grundsch/versuche/gs-v-085.htm, gesehen am 22.05.2007
  2. http://download.merz.de/merz-de/files/broschueren/de/brosch_haar_2.pdf, gesehen am 22.05.2007.
  3. Zahn, Helmut: Das Haar aus der Sicht des Chemikers. CHIUZ 23 , Heft 5 , 1989, S. 141 - 150
  4. http://schule.vienna.at/kosmetik/pdf/OS-BIO-HAAR-A3.pdf, gesehen am 22.05.2007
  5. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,305202,00.html, gesehen am 10.12.2011
  6. http://www.epea.com/pdf_files/Technology_Review_Holger_Fu%DF_Maerz, gesehen am 22.05.2007
  7. http://www.figaro-claus.de/forum/messages/100.html, gesehen am 22.05.2007
  8. http://www.haarausfall-mittel.de/aufgaben-des-haares.htm, gesehen am 22.05.2007
  9. http://haar.ha.funpic.de/haar/haaranalyse.html, gesehen am 22.05.2007
  10. http://www.haarpflege-versand.de/Haaraufbau-46_222_de.html, gesehen am 22.05.2007
  11. http://www.quarks.de/haare/haare.pdf, gesehen am 22.05.2007
  12. http://www.seilnacht.com/referate/haare1.html, gesehen am 10.12.2011
  13. http://www.tu-darmstadt.de/fb/ch/Fachgebiete/OC/AKSchmidt/TUD%20Boris%, gesehen am 22.05.2007
  14. http://www.wella-training-online.com/reference/tronl_de_06_download_5005_0_sl.pdf, gesehen am 22.05.2007
  15. http://images.freakboard.de/d/17183-1/l_4777a93d5fa2f_Tannenzapfen.jpg, gesehen am 10.12.2011
  16. http://www.rieder-heinz.ch/haar/haar_glatt.jpg, gesehen am 10.12.2011
  17. http://www.rieder-heinz.ch/haar/haar_rauh.jpg, gesehen am 10.12.2011
  18. http://us.123rf.com/400wm/400/400/ksena32/ksena321011/ksena32101100083/8158119-fichte-zapfen-auf-wei-em-hintergrund.jpg, gesehen am 10.12.2011
  19. http://www.friseurstube-sonjas-heisse-schere.de/resources/haaraufbau.jpg, gesehen am 10.12.2011
  20. http://seshdotcom.files.wordpress.com/2009/06/henna-powder.jpg, gesehen am 10.12.2011

E-Mail: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de, Stand: 20.12.11