Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 26.09.14


Medien für den Unterricht

Anhang: Multimedia und Medienkompetenz


Das Bildungswesen hat die Aufgabe, für das Leben und Arbeiten in der Informationsgesellschaft vorzubereiten und zu qualifizieren. Diese Aufgabe kann das Bildungssystem nur dann leisten, wenn es selbst die erforderlichen Voraussetzungen erfüllt: Es muss seine eigenen Strukturen und die Curricula flexibel an die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen anpassen; die technischen Voraussetzungen (Computerausstattung, Netzzugänge, Software-Angebote) müssen vorhanden sein; die Lehrkräfte müssen über die erforderliche Kompetenz verfügen. Alle diese Voraussetzungen sind zur Zeit (noch) nicht gegeben. Die Gewährung eines größeren Freiraumes für die Schulen und Lehrkräfte und die Realisierung einer Medien bezogenen Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte erscheinen als vordringliche Aufgaben. [24]

Multimedia ist keine Bezeichnung für ein neues Medium. Im Sinn von "multimediale Lernumgebung" bezeichnet der Begriff vielmehr eine Kombination mehrerer medialer Präsentationsformen innerhalb eines Lehrganges oder einer Lektion. Genau genommen sind es nur zwei:

  • textliche Präsentationen analog eines Arbeitsblattes mit statischen Bildern (Grafiken) und
  • bewegte Bilder, mit denen der Ton üblicherweise sowieso verbunden ist.

Interaktive Elemente werden meistens mit genannt [23], sind aber kein eigenständiges Medium. Zu den interaktiven Elementen gehören:

  • einfache Textknoten ("Hyperlinks", "links"), die Texte verzweigt machen;
  • Eingriffe in die Abspielrichtung und -geschwindigkeit bei Animationen (Reaktionsmechanismus) und bewegten Bildsequenzen   , die genaueres Hinschauen auf den entscheidenden Schritt ermöglichen;


Folie: Aktion

 

  • Manipulation von und Bewegung in 3D-Darstellungen, damit man zur hilfreichen Ansicht eines Moleküls gelangt oder wie am realen Objekt Bedienknöpfe findet (z.B. Anleitung zur Bedienung eines IR-Spektrometers mit Übungen am virtuellen VRML-Objekt);
  • Beantwortung von Abfragen durch Markieren bzw. klicken in aktiven Skizzen ("sensitive maps") oder durch einfache Dialoge über HTML-Eingabefelder, bis hin zur
  • Lösung von Aufgaben innerhalb einer Lektion mit Hilfe von Daten, die selbst mit Hilfe von Tools errechnet oder aus einer Datenbank herausgesucht werden müssen.

Eindeutig am interessantesten dabei aus Sicht der Didaktik sind die Bemühungen um effiziente Lernumgebungen, effizient nicht nur im Sinn von schnellem Ansammeln kognitiver Fähigkeiten. Man verspricht sich davon neue Impulse:

  • für die Begegnung mit den Inhalten der Chemie, teilweise als Alternative zu der als sehr "trocken" empfundenen fachsystematischen Orientierung;
  • zur Anwendung einer größeren Methodenvielfalt, zur Aktivierung von schülerzentrierten Unterrichtsverfahren; durch exploratives Umgehen mit Wissenssammlungen lässt sich ein hohes Maß an Eigentätigkeit erreichen, was dem Chemieunterricht von den Abstiegsplätzen der Fächerliga holen könnte;
  • zur Anpassung von Methoden an lernpsychologische und gehirnphysiologische Erkenntnisse.

Natürlich bringt das auch Probleme mit sich:

  • Die mögliche Nähe multimedialer Lernumgebungen zu Computerspielen (z.B. "adventures") mag, wie bei der Nähe von Unterrichtsfilm und Unterhaltungsfilm, zwar interessant wirken, muss aber nicht automatisch der Auseinandersetzung mit dem Inhalt förderlich sein. Bilder sehen zwar "einfach" aus, verstecken aber dadurch genau das, worauf es ankommt.
  • Die Kombination mehrerer Medienarten kombiniert auch ihre Nachteile, wobei leicht jener Schwellenwert für den durchschnittlichen Schüler überschritten werden kann, der fördernde von kontraproduktiven Einflüssen trennt. Leicht entsteht eine Informationsdichte oder eine Kanalvielfalt, die resignieren lässt.
  • Vielfältige Angebote enthalten vielfältige Verlockungen, die das Lernziel verschleiern können. Zu Eigentätigkeit gehört Selbstdisziplin, die Fähigkeit, sich auf ein Ziel konzentrieren zu können.

All das lässt sich nur vermeiden, wenn sowohl Lehrer als auch Schüler Medienkompetenz besitzen. Lehrer müssen über fachspezifische Leistungen von Medien Bescheid wissen und den abwechslungsreichen, methodengeleiteten Einsatz beherrschen. Medienkompetenz bei Schülern kann nicht mehr auf die Benutzung und den Einfluss der Massenmedien beschränkt bleiben, schon weil sich Massenmedien zunehmend weniger von Unterrichtsmedien unterscheiden werden.

"Es ist offenkundig, dass Medienkompetenz weit über die Aneignung technischer Computerkenntnisse hinausgeht und es mit einem speziellen Unterrichtsfach nicht getan ist. Alle Unterrichtsfächer und Lehrpläne müssen so ausgestaltet werden, dass die Schüler auf ein sachgerechtes, selbst bestimmtes, kreatives und sozial verantwortbares Leben in der Informationsgesellschaft vorbereitet werden." Als Teilkompetenzen werden genannt: Technische Kompetenz, Kompetenz zum Wissensmanagement, Soziale Kompetenz, Kompetenz zur persönlichen Entscheidungsfindung, Demokratische Kompetenz." [24]


Folie: Stufen der Medienkompetenz, nach [25]

Handling bezeichnet allein das sachgerechte Bedienen, z.B. Doppelklicken, Ziehen, Schließen... Nutzung schließt die Fähigkeit zur vernünftigen Auswahl, den Überblick über das Angebot, Bedenken von Wirkungen, Überprüfung der Botschaft und das Reflektieren des Konsums ein. So weit sollte der mündige Schüler kommen.

Gestaltung bezieht sich auf die unterrichtsthematische Ausformung, das fachgerechte Abändern bereits konzipierter Medien (Arbeitsblätter, Folien) im Dienst eines geänderten Lehrzieles. Literalität weitet die Kenntnisse auf Beherrschung der Gestaltungsmöglichkeiten und das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Inhalt und Form aus. Medienkunde ergänzt die Kenntnisse durch solche aus Mediengeschichte, -technik, -wirkung und -recht. Lehrer, die kompetent Folien, Arbeitsblätter, Dias oder Filme selbst erstellen, beherrschen die Ebenen so weit.

Mediendidaktik und -pädagogik gehen insofern darüber hinaus, als sie in unterschiedlich weitreichendem Maß Medienparameter hinterfragen, abändern, neu konzipieren bzw. negative Auswirkungen aufarbeiten. [nach 25]

Skeptiker äußern gern angesichts neuer Medien, man könne diese ja nicht "überall einsetzen". Das ist richtig, gilt aber für alle Medien: sobald eines überbetont wird, seien es herkömmliche (Tafel, Schulbuch), oder die der letzten 40 Jahre (Overhead-Projektion, Computer), ist der Einsatz vom methodischen Standpunkt aus gesehen nicht fachgerecht. Didaktische Kontraproduktivität bei manchen Themen mischt sich mit der Langeweile, die sich bei Menschen automatisch einstellt, wenn sich Situationen zu stereotyp wiederholen. Die unterrichtliche Integration ist eine ureigene Aufgabe des Lehrers, die nicht weiter delegierbar ist.

"...wenn man lediglich Neue Medien anstelle der traditionellen im Unterricht verwendet und diesen ansonsten unverändert lässt" wird man dieser Aufgabe nicht gerecht" [25].

Neben der Erhöhung der Professionalität ist Medienkompetenz aus einem weiteren Grund unabdingbar. Der bedeutendsten Wandel, dem Unterricht in naher Zukunft unterworfen sein wird, hat seinen Ursprung in den geänderten Anforderungen an nützliches Wissen. Nicht mehr das einmal erworbene Wissen ("know what") steht an erster Stelle, sondern das Gewusst-wie ("know how") und das Gewusst-wo ("know where") im Verlauf des lebenslangen Lernens. Weil in diesem Zuge der Lehrer im Chemieunterricht nicht mehr hauptsächlich Informationsquelle sein wird, kommt der Beherrschung anderer Informationsmedien durch Schüler wie Lehrer immer größere Bedeutung zu. Diese Medien verwischen zunehmend die Grenze zwischen Massen- und Unterrichtsmedium und werfen damit Fragen nach Authentizität, Richtigkeit und Urheberschaft auf, bei deren Lösung nicht ein neues Fach, sondern der Fachunterricht mit angepasster Methodik Antworten liefern muss.


Folie als PowerPoint-Präsentation

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E-Mail: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de