Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 25.09.14


Medien für den Unterricht

Prinzipien für die Gestaltung von selbst gefertigten Folien, Arbeitsblättern und Abbildungen


Für selbst gestaltete Medien kann es sehr hilfreich sein, gestaltpsychologische Kriterien anzuwenden, wie sie für Experimentalaufbauten zu Demonstrationszwecken beschrieben werden.

A: Könnten Sie auf Anhieb sagen, warum die Arbeitstransparente 1 und 3 "weniger gut", 2 und 4 hingegen "besser" sind?

Abb. 1: Glykolyse, Variante 1
 
Abb. 2: Glykolyse, Variante 2
Abb. 3: Aggregatzustände, Variante 1 Abb. 4: Aggregatzustände, Variante 2
  1. Gesetz der Dynamik von links nach rechts: In der zweiten Zeile von Abb. 1 ist die Schreibrichtung umgekehrt. Das wirkt deshalb sehr ungewohnt, weil in unserem Kulturkreis die Schreibrichtung von links nach rechts verläuft. Natürlich überfordern die meisten Darstellungen etwa von Reaktionsmechanismen oder die von Stoffwechselwegen oder technischen Verfahren eine Heft- bzw. Buchseitenbreite. Es gibt aber andere Lösungen für das Problem: das Gesetz wird dann nur teilweise verletzt, wenn das Dilemma wie in Abb. 2 gelöst wird. Beginn ist nach wie vor links oben, Ende unten, wenn auch nicht rechts.
    In die gleiche Richtung weisen Befunde, wonach als am wichtigsten empfunden wird, was links oben steht. Deshalb ist bei Arbeitstransparenten ein Firmenlogo dort am falschen Platz. Das Gegenteil ist der Fall bei einer Werbeschrift einer Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit.
  2. Gesetz der Glatt durchlaufenden Kurve: Jeder Zeilenwechsel in Abb.1 kehrt die Leserichtung um. Richtungswechsel sollten allein durch Inhalte motiviert sein (siehe Gesetz der Dynamik... bzw. Abb. 2 und 3); Schemata, die auf einer Seite nicht untergebracht werden können, sind sehr selten. Die Bedeutung dieses Gesetzes liegt darin, dass dem Gehirn ermöglicht wird, die präsentierten Elemente sinnvoll zu gruppieren. Beachten Sie den Verlauf und die Breite der Zwischenräume in Abb. 5.
    Abb. 5: Anordnung und Eindruck

     

  3. Gesetz der Gleichartigkeit:

    Gleiche Farbe suggeriert verwandten Inhalt bzw. gleiche Bedeutung; so bezeichnet in der gleichen Skizze z.B. grün (in Abb. 2 so nicht erkennbar) Enzyme, rot die Energie-Äquivalente. Oder, in einer Skizze mit anderem Inhalt: rot die positive Ladung, blau stets die negative, grün sind die mechanistischen Pfeile. Solche Farblegenden lassen sich mit sehr wenig Einschränkungen und unter Verwendung einer übersichtlichen Anzahl von Farben (rot, grün, gelb, blau, schwarz) über ganze Lehrgänge durchhalten.

    Die Form besitzt Bedeutung:

  • Schichtung im Dreieck suggeriert Hierarchie,
  • als Stufen auf- oder absteigende Komplexität.
  • Kreisförmige Anordnung suggeriert einen Kreislauf, wobei in Abb. 3 gar keiner vorliegt; anders würde sich das bei ähnlichem Inhalt verhalten, wenn das Ziel der Darstellung der Kreislauf des Wassers in der Atmosphäre wäre.
  • Lineare Anordnung suggeriert lineare Beziehungen: steigend (von unten nach oben), fallend (von oben nach unten) oder konstant bzw. gleichwertig (nebeneinander). In Abb. 4 ist die Energieachse latent vorhanden. Auch wenn darauf in der frühen Sekundarstufe I z.B. noch gar nicht explizit eingegangen wird, so wirkt sie dennoch unbewusst und fachlich einwandfrei.
  • Sich schneidende Kreise oder Scheiben illustrieren teilweise Überlappung von Kategorien oder, beim Fehlen solcher Überschneidungen, Trennschärfe.
Abb. 6: Hierarchie Abb. 7: Steigende Komplexität
 
Abb. 8: Schnittmengen
  1. Gesetz der Nähe: In Abb.1 kommen durch die Zeilenwechsel Molekülformeln nebeneinander zu liegen, die nicht unmittelbar auseinander hervorgehen; diese Tatsache erschwert die richtige Interpretation der bildhaft aufgenommenen Information durch nachträgliche geistige Beschäftigung damit.
  2. Gesetz der objektiven Einstellung: Gebogene Pfeile sollten immer die gleiche Information bieten, z.B. vom "klappende" Elektronenpaar zu seinem Zielort. Zu diesem Zweck gibt es auch die Differenzierung in Pfeile mit halber oder ganzer Spitze. Will man auf besondere Stellen im Molekül aus anderem Grund hinweisen, empfiehlt sich die Verwendung einer typischen Farbe oder notfalls eines geraden Pfeils in Schriftfarbe.
  3. Gesetz der Symmetrie: Die Spaltung in Abb.2 ist an der Verzweigung auf den ersten Blick erkennbar. Wie lange benötigen Sie, um sie in Abb.1 zu finden?
  4. Gesetz der Einfachheit:
    Schriften sollen schnörkellos, mit klarer Linienführung sein, wie z.B. die hier verwendete (Arial). Serifenschriften (z.B. Times New Roman) erleichtern das Lesen bei gutem Schriftbild (z.B. Ausdrucke modernen Drucker), nicht jedoch bei LCD- oder niedrig auflösenden TFT-Bildschirmen. (Achtung: bei den beiden Schriftproben wurde die gleiche Schrifthöhe 12pt gewählt!)
    Bilder, die mit dem Inhalt nichts zu tun haben, sollten nicht eingesetzt werden. Andernfalls wird unser Gehirn stets nach einem Zusammenhang suchen und ggf. unbewusst einen konstruieren (siehe Gesetz der Nähe), der sicher nicht in der Absicht des Lehrenden lag.
    Wenn ein Effekt zu zeigen ist, muss stets geprüft werden, in wie weit man die Zahl der Darstellungselemente minimieren kann (Abb. 9)
    Abb. 9: Weniger ist mehr

    An der betrachteten Reaktion unbeteiligte Reste sollten sinnvoll abgekürzt werden (R, R', Ph...). Hervorhebungen sollten sehr sparsam eingesetzt werden. Bis ca. 10 fett markierte Begriffe auf einer voll geschriebenen Seite erhöhen ihre Auffälligkeit und wirken betonend. Leser empfinden die Maßnahme als Gliederungshilfe. Zu viele fett markierte Begriffe oder zu viele verschiedene Arten der Hervorhebung (unterstrichen, kursiv, Schrift farbig, bunte Unterlegung, Rahmen, Pfeile...) lassen die Inhalte zerfasern und verleihen dem Schriftbild eine "unruhige" Erscheinung.

  5. Das Gesetz des Figur-Grund-Kontrastes: Darauf bezieht sich die kritische Beurteilung von Präsentationsvorgaben im Ausblick. Hintergrundfarbe stört an sich nicht, sie kann sogar den Lesekomfort gegenüber herkömmlichen, sehr harten Schwarzweiß-Kontrasten erhöhen. Sie muss aber gezielt auf die Schriftfarbe abgestimmt sein und sich nicht gegenüber Inhalten in den Vordergrund drängen. Letzteres passiert besonders stark bei zusätzlicher Verwendung von strukturiertem Hintergrund (beziehungslose Linien, auffällige Muster, komplizierte Farbverläufe, bunte Logos und Bilder).
Abb. 10: Kontraste
Abb. 11: Kunstfehler

Farben werden nicht gleichwertig wahr genommen: vor neutralem Hintergrund (z.B. weiss) kann man mit der u.a. Reihenfolge rechnen.

  1. rot
  2. grün
  3. blau
  4. schwarz
  5. gelb.

Allgemein sind harte Kontraste auffällig und man sollte sie bewusst einsetzen, falls man Teile der Präsentation in den Vordergrund holen oder im Hintergrund unauffällig machen möchte.

Darüber hinaus bietet der Darstellungstyp etwa in Abb. 2 weitere Vorteile:

  • Edukte (erste Zeile) und Produkte (letzte Zeile) können leicht erkannt werden, Nebenprodukte treten in den Hintergrund. Farben oder Kästchen bzw. ihr Fehlen können den Effekt bei Bedarf verstärken.
  • Stoffe stehen als Namen oder Formeln aufgereiht, Vorgänge oder Verfahrensnamen neben den Schemapfeilen.
  • Zur Beschriftung der Pfeile ist in Schreibrichtung viel Platz, der gerade bei technischen Verfahren auch oft benötigt wird.
  • Falls erforderlich können Nebenprodukte, Abfälle, Zusätze im späteren Schemaverlauf nach rechts herausgezogen und damit visuell hervorgehoben werden.
  • Pfeilarten erhalten Denkfiguren-Charakter [10]: Synthesen erkennt man an konvergierenden, Spaltungen an divergierenden Pfeilen.
  • Die Abdecktechnik kann eingesetzt werden. Nachteilig wirkt sich nur der höhere Platzbedarf aus.
Abb. 12: Schema

Weitere Regeln. Die folgenden Regeln sollen der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Als Regeln sind sie allein aus der Erfahrung heraus begründbar, sollten aber ohne besonders triftige Gründe nicht durchbrochen werden:
  • Zu einer Abbildung gehört eine Überschrift bzw. Bezeichnung.
  • Zur Abbildung eines Realgegenstandes gehört ein Maßstab. Dieser kann implizit vorkommen (z.B. Person neben einem Fraktionierturm) oder nachträglich als Balken bezeichneter Länge angegeben werden (z.B. auf mikroskopischen Aufnahmen).
  • Achsen werden wie folgt beschriftet: x-Achse ist die waagrechte, y-Achse die senkrechte Achse; die z-Achse führt nach "hinten".
  • Die Zeitachse ist stets die x-Achse.
  • Nach rechts bzw. oben steigen die Achswerte an.
  • Alle Achsen müssen stets unter Angabe der Größen, Einheiten und Schritte beschriftet sein.
  • Sollen für eine Ganzheit mehr als 2-3 Anteilsangaben gemacht werden, empfiehlt sich das Kreisdiagramm, bei 2-3 Anteilen Säulen bzw. gestapelte Säulen.
  • Räumliche Darstellungen bei Diagrammen sind nur dann zu verwenden, wenn in der z-Achse auch Datensätze dargestellt werden müssen. Ansonsten erschwert die Perspektive das Ablesen unnötig.
Abb. 13: Kreisdiagramm Abb. 14: Säulendiagramm
Abb. 15: 3D-Säulen Abb. 16: Gestapelte 3D-Säulen
Die Ausdehnungsgrenzen besonders von Abbildungen lockerer oder aufgelöster Struktur sollten deutlich gemacht werden, sei es durch Rahmen (Abb. 8) oder farbliche Unterlegung.

Ausblick. Das Problem "gute und weniger gute" Folien wird sich durch Einzug der Präsentationstechnik verschärfen. Präsentationssoftware wurde nicht mit dem Ziel des schulischen, sondern des betriebswirtschaftlichen Einsatzes konzipiert, wobei der Zielpersonenkreis erwachsene Fachleute bzw. "Kunden" sind, die Absichten der Präsentation meistens denen von Werbung gleichkommen. Für diesen Zweck sind auch Layoutvorschläge optimiert. Sie widersprechen den Zielen des schulischen Einsatzes in gravierender Weise. Jegliches optisches Beiwerk lenkt vom Lernzwecke ab. Auch führt die nur begrenzte Beherrschung zeichnerischer Möglichkeiten der Software durch den Nutzer häufig zu sachlich nicht gerechtfertigten Abstrichen bei der Gestaltung im Dienst didaktischer Maßnahmen.


Download der Folien als PowerPoint-Präsentation

E-Mail: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de