Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 18.12.14


Medien für den Unterricht

Geformte Materialien


Material:
  • Wahlexperimente: Lego, Stromkreis, Brause, Gasentwicklungsapparatur

Stellen Sie sich alternativ vor, im oben erwähnten Klassenzimmer würde nicht eine Lehrgespräch stattfinden, sondern die Schüler würden Posten von Gegenständen vorfinden:

  1. Einreihige Legosteine unterschiedlicher Länge und Farbe.
  2. Zylinder- oder kugelförmige Magnete.
  3. Bindfadenabschnitte und Holzstäbchen.
  4. Papierstreifen und Klebestift.
  5. Eine Stromquelle, diverse Kabel mit Steckverbindern und Klemmen, ein Lämpchen, Streifen unterschiedlicher Materialien (Metall, Holz...).

Von den Gegenständen geht eine stille Aufforderung aus. Diese wird von den Schülern subjektiv sehr unterschiedlich empfunden, sowohl was die Qualität als auch was die Intensität betrifft, und die Empfindung wird sich im Verlauf des Lernprozesses ändern. Auch bei 15-jährigen, durchschnittlichen Schülern ist zu erwarten, dass bei freier Entscheidungsmöglichkeit in der Regel die Posten 1-4 bevorzugt werden, Posten 5 schließlich nur als Alternative zum Nichtstun nach der Beschäftigung mit den anderen zum Zuge kommen wird.

Die Gegenstände der Posten 1-5 werden meistens als "Material" oder besser Arbeitsmittel bezeichnet und im Sinne von Medien verwendet.

Beschreibung. Besonders bei offeneren Unterrichtsmethoden (z.B. Lernzirkel, Freiarbeit) kommen Medienformen zum Einsatz, die in herkömmliche Kategorien (Video, Dia, Modelle...) nicht hineinpassen. Seilnacht formuliert in Anlehnung an Montessori eine Reihe von Anforderungen an solche Medien, wobei nur teilweise herkömmliche Formen beteiligt sind:

  • Betreffend die Information: jeder Posten enthält Informationsmaterial (statische und bewegte Bilder, lineare und verzweigte Texte).
  • Betreffend die Ausführung ("Gerät"):
    • Die äußere Beschaffenheit sollte ästhetisch ansprechend sein.
    • Es sollte eine Arbeitsanleitung enthalten sein, welche eine selbständige Bearbeitung der Aufgaben ohne fremde Hilfe ermöglicht (Arbeitsblatt).
    • Jeder Posten ist in einem stabilen Kasten untergebracht (Holzkiste, Falzkarton) und enthält Arbeits-, Experimentier- oder Spielmaterial, Material zur Ergebniskontrolle, die nötigen Anleitungen und eine Inventarliste auf dem Deckel oder im Kasten.
  • Betreffend die didaktische Absicht: das Material sollte
    • einen Themeninhalt exemplarisch darstellen,
    • Selbstkontrolle ermöglichen,
    • je Posten nur ein Lernziel (!) (Feinziel) oder ein Problem behandeln (Isolierung der Schwierigkeiten),
    • alle Sinne, vor allem den Tast- und Greifsinn, ansprechen,
    • sich an einem festen Ort befinden,
    • nur einmal vorhanden sein (nach Montessori fördert dies die Kooperation, weil sich die Schüler dann untereinander absprechen müssen, wer was macht). 
    • Zu einem Thema sollten unterschiedliche Materialangebote mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden vorliegen, damit individuelle Differenzierung möglich ist.

Abweichend von Montessori kann innerhalb des gleich getakteten staatlichen Schulsystems das Material in mehrfacher Ausführung erstellt werden, wohl wissend, dass dies auf Kosten der Sozialkompetenz geht. Oft wird eine Arbeitsgruppe an einem Tag mit ihrem Materialposten nicht fertig, dies führt dann zu Engpässen. Die Schüler arbeiten mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Die mehrfache Ausführung erhöht sowohl die Flexibilität als auch die Kosten, mindert aber den kooperativen Effekt bei der Materialauswahl wesentlich. Das Übersichtsplakat, welches neben dem Arbeitsplan an der Schranktür hängt, informiert kurz über den Inhalt und den Aufgabenbereich jedes einzelnen Materialpostens. Es wird von den Schülern vor jeder Materialauswahl gelesen. Die Lehrkraft sollte sich auch überlegen, ob die Durchführung aller oder einer Mindestanzahl der Materialposten verpflichtend ist. [21]

Vergleichen Sie die Medienbeschreibung mit der im Exkurs (Multimedia und Medienkompetenz): Sie erkennen, dass diese Medienform am ehesten die Bezeichnung "multimedial" verdient, denn Arbeitsblatt und Dia, Modell und Realgegenstand, Bild und Experiment sind zu einer Einheit verbunden.

Wieso sind geformte Materialien dann "geformt"? Wieso zählen sie als eigenständiges Medium? Entscheidend ist die "stille Aufforderung", die Art und Weise, das didaktische Konzept der Zusammenstellung.

"Nicht die Dinge auf einen Begriff zu bringen, sondern die Begriffe auf Dinge zu übertragen, darin liegt das Besondere..." [2].

Schüler erkennen das Konzept intuitiv, sie fühlen sich von den Materialien (Montessori nennt sie nicht Medien) "angesprochen".

Im Eingangsbeispiel fühlen sich die erwähnten Schüler noch nicht "reif" für Posten 5. Stromkreise sind Aufgaben, die auch im Studentenalter unangenehme Gefühle verursachen können, die dann zu mehr oder weniger deutlicher Ablehnung führen.

Aus den Arbeiten der Neurophysiologen sind konkrete Erklärungen hierzu zu erwarten. Traditionelle Lehrpläne und Unterrichtssituationen "kennen" solche Ablehnungsmuster nicht, der beobachtende Fachlehrer aus der Praxis durchaus, aber er verfügt über kein Therapiekonzept. Die Angabe von Beobachtungsaufgaben, wie sie bei Filmausschnitten unumgänglich sind, ist nicht erforderlich. Hinweise und Anleitungen beschränken sich auf die Bedienung der Medien.

Beispiel. Im Anfangsunterricht Chemie kann man Schüler schon dadurch zur Auseinandersetzung mit Stoffen animieren, dass ihnen Zucker, Kochsalz, Zitronensäure zur Verfügung gestellt wird. Sie werden mit ihren Sinnen untersuchen. Die Erlaubnis, schmecken zu dürfen, dient allein der Sicherheitserziehung. Für weitergehende Untersuchungen stehen mehrere Gläser mit Wasser und ein Teelicht bereit. Die Aufforderung des Wassers ist noch verständlich, da nahe an Alltagserfahrungen: das Lösungsverhalten wird verglichen. Zum Teelicht benötigen die Schüler die Bedienanleitung, wie man aus Alu-Folie Rinnen faltet und darin kleine Stoffportionen erhitzt. Es entsteht ein recht umfangreicher Steckbrief für die Stoffe, ohne dass die Schüler den Eindruck haben, eine (fremde) Checkliste des Lehrers "nur abgehakt" zu haben. [22]

Diese Medienformen müssen zur Zeit vom Lehrer selbst in mühsamer Kleinarbeit hergestellt bzw. zusammengestellt werden. Muster lassen sich aus anderen Fächern (Sachkunde, Sprachen, Physik) sehr gut übertragen.

  1. Der Informationsgehalt ist den Materialien immanent, die entsprechende Bedeutung entsteht in den Gehirnen der Lernenden.
  2. Die Didaktische Intentionen stammt vom Lehrer durch die Auswahl, die er den Schülern anbietet.
  3. Informationsträger sind die Materialien selbst.
  4. Geräte sind je nach Ausführung erforderlich.

Einsatz. Geformte Materialien bedingen offenere, stark schülerzentrierte Unterrichtsmethoden, die eine gewisse Verbreitung in Schularten mit Klassenlehrerprinzip (Primarbereich, Hauptschule) erreicht haben. Sie "...ermöglichen dem Kind, nach einem Ding zu greifen und in diesem Griff unversehens einen Begriff zu entdecken." [2] Man geht davon aus, dass diese Medienart "katalytische Funktionen" erfüllt, die hilft, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entfalten (Entfaltungsmodell), sobald Schüler dafür bereit, "reif" sind. Erfahrungen aus dem Chemieunterricht sind selten, weil überfrachtete Lehrpläne, 45-Minuten-Takt und Fachlehrerprinzip Differenzierungen im nötigen Ausmaß effektiv verhindern. Vereinzelt findet man Beschreibungen aus Pilotprojekten [21]. Als abstrakte Variante mag das Rollenspiel verstanden werden, wieder ein Grenzbereich zwischen Medium und Methode. Seilnacht hat ein Beispiel für den Chemieunterricht ("Düngemittel zum Wohle der Menschheit?") ausgearbeitet und erprobt [21].

In der folgenden Auflistung sind mehrere Positionen enthalten, die die Rolle geformter Materialien (nach Montessori) im offenen Unterricht beschreiben: sie sind fett hervorgehoben.

Die Rolle des Erziehers

  1. Die Umgebung vorbereiten und pflegen.
  2. Die Materialien beherrschen.
  3. Zu Beginn einer Lernphase aktiv mit der Umgebung in Beziehung treten, dann sich zurücknehmen bis in vollkommene Passivität.
  4. Beobachten und Fehler machen lassen, nicht Fehler korrigieren.
  5. Hilfe nicht aufdrängen. Warten, bis man gerufen wird und bis dahin stille Zuwendung signalisieren.
  6. Zuhören, wenn man gefragt wird. Bei Problemen begleiten, sie aber nicht für das Kind lösen.
  7. Das arbeitende Kind respektieren.
  8. Ruhephasen des Kindes achten.
  9. Materialien immer wieder anbieten.

Festzuhalten bleibt zum Abschluss, dass es im Eingangsszenario durchaus einen Lehrenden im Hintergrund gibt, der ein Lehrziel hat bzw. mögliche Ergebnisse "vorgedacht" hat (etwa "Möglichkeiten, Materialien zu verbinden", oder "Die chemische Bindung"...) und der die Lernsituation arrangiert hat.


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E-Mail: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de