Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 16.10.12


Medien für den Unterricht

Unterrichtsgang und Experten


Warum sollen beliebte Ziele für Fahrten in der Sekundarstufe II nur aus Sicht der Sprachen, Geschichte oder Kunstgeschichte betrachtet werden? Steine von Big Ben in London bröckeln, Marmor an Statuen und Gebäuden in Rom wird aufgelöst, die Bronze der Quadriga in Berlin korrodiert, der Eiffelturm in Paris rostet, die Farben der Wand- und Deckengemälde in vatikanischen Gemächern verblassen oder werden von Schmutzschichten abgedeckt, Statuen "weinen" - unabhängig davon, welche Meisterhand sie erschaffen haben mag. Der Wandel, ob als Zerstörung, Wunder oder Restauration interpretiert, ist Sache der Chemie. 

Beschreibung. Unterrichtsgänge und Experten im Unterricht gehören mit der Tafel, dem Schülerheft, dem Arbeitstransparent (Folie) und -blatt sowie einigen Funktionen des Computers zur Gruppe der vorwiegend selbst gestalteten Medien.

Der Unterrichtsgang (Lehrwanderung) oder das Einladen eines Experten in den Unterrichtsraum ist als Methode wie als Medium beschreibbar. Vor allem der Unterrichtsgang ist in fast jedem Chemielehrplan für die Sekundarstufe I in unterschiedlich verbindlicher Weise gefordert: "Besuch eines Chemiebetriebes...", "Besuch einer Kläranlage oder Trinkwasseraufbereitung..." o.ä. Je nach Entfernung und didaktischer Absicht dauert ein Unterrichtsgang

  • wenige Minuten; Heizkeller, Trinkwasseraufbereitung, Demineralisationsanlage oder Sammelstelle für Chemikalien zur Entsorgung befinden sich schon im Schulhaus;
  • einen ganzen Schultag für die Fahrt in die Nachbarstadt (Raffinerie, Kernkraftwerk, Großbrauerei, Chemisches Institut einer Universität...) oder den gekoppelten Besuch mehrerer Kleinbetriebe in der eigenen Stadt (Färberei, Galvanisierbetrieb, Kunststoffverarbeitung, Metallbau, Goldschmied...) oder
  • mehrere Tage, wenn fachliche Ziele der Chemie auch fachübergreifend auf Lehrfahrten oder Lehrwanderungen etwa ins Ausland anlässlich von Schüleraustausch, Schulpartnerschaften oder Abschlussfahrten thematisiert werden.

Experten von Kriminalpolizei und Lebensmittelkontrolle, aus Wasserwirtschaftsamt und Apotheke, von verschiedenen Gesundheitsdiensten oder Verwaltungsstellen kommen gerne in eine Unterrichtsstunde oder -Doppelstunde und bringen Material mit, wenn ihr Arbeitsort einen Unterrichtsgang nicht rechtfertigt.

  1. Die wesentliche Information stammt im optimalen Fall vom Experten.
  2. Informationsträger sind die gleichen wie bei der Lehrersprache.
  3. Bei der Didaktischen Absicht bringt sich der Lehrer ein, indem er
    • die bestmögliche Präsentation der Wirklichkeit wählt beziehungsweise den Experten als Vertreter für sich einsetzt
    • den didaktischen Ort im Verlauf der Unterrichtseinheit sowie
    • die Ausprägung des Lehrzieles bestimmt.
  4. Geräte werden nicht benötigt.

Für Schüler besitzt der externe Experte eine höhere Glaubwürdigkeit, auch wenn er nach dem Besuch den Lehrer ob seiner didaktischen Kompetenz wieder schätzen wird.

Einsatz. Der Unterrichtsgang erfordert, verglichen mit anderen Medien, ein sehr hohes Maß an Vorbereitung:

  • Auswahl des Betriebes nach den Kriterien:
    • Sichtbarkeit des Produktionsprozesses,
    • Qualität der Erläuterungen durch den betriebseigenen Experten,
    • Zugänglichkeit von Hintergrundinformationen,
    • Anfahrtsdauer,
    • Umfang des Genehmigungsverfahrens... 
  • Organisatorische Maßnahmen als unmittelbare Vorbereitung:
    • Einholen der Genehmigung durch die Schulleitung,
    • Besorgen zusätzlicher Betreuer,
    • Information der betroffenen Kollegen,
    • Schüler und Eltern,
    • Terminabsprachen mit Betrieb und Transportunternehmen,
    • Kalkulation der Kosten,
    • Festlegen nötiger Sonderausrüstung (z.B. ältere Kleidung bei Gießereibetrieben, wetterfeste Kleidung für Karstformen) und Verpflegungsart.
  • Methodische Vorbereitung:
    • eigene Vorinformation des Lehrers im Betrieb,
    • Absprache des methodischen Vorgehens mit dem Experten,
    • Vermittlung von Hintergrundinformation über die betroffene Industriesparte,
    • Vermittlung chemischer Grundlagen zum Thema des Unterrichtsganges,
    • Beleuchtung des Betriebes in seiner öffentlichen Wirkung,
    • Erarbeitung von Beobachtungsaufträgen und Sammlung offener Fragen an die Experten, mit Fixierung als Arbeitsblatt.

In der Phase der Durchführung 

  • tritt der Lehrer zugunsten von Schülern und dem Experten zurück.
  • Die Schüler stellen vorbereitete oder spontane Fragen, konzentrieren sich auf Beobachtungsaufträge oder Vortragsteile des Experten, betrachten und befühlen Produktmuster...
  • Der Experte trägt vor, zeigt Muster, erklärt Besonderheiten, setzt Facharbeiter mit vorbereiteten Vorführungen ein....

In der Nachbereitung muss kontrolliert werden, ob die Beobachtungsaufträge erfolgreich erledigt werden konnten (Lehrzielkontrollen). Andere erhaltene Information werden integriert, geordnet, ergänzt, erweitert, fixiert und der Bezug zu folgenden oder vorausgegangenen Unterrichtseinheiten hergestellt.

Das Ziel eines Unterrichtsganges ist ein außerschulischer Lernort (ASLO). Zum Unterschied zum innerschulischen Lernort (ISLO), einem Ort, an dem Lernen institutionalisiert stattfindet, mit seiner hierfür spezifischen Ausstattung (Tische, Tafel, Computer, Gasanschlüsse o.ä.), z.B. dem Klassenzimmer, dem Fachraum (z.B. der Chemiesaal), oder dem Schulhof bzw. Schulgarten... handelt es sich beim außerschulischen Lernort z.B. um einen Ort in der Natur (z.B. ein Gewässer), einen Arbeitsplatz (z.B. ein Forschungslabor der Universität), eine öffentliche Einrichtung (z.B. die Abteilung Chemie des Deutschen Museums), einen Betrieb (z.B. die Produktionshalle für Reinstsilicium), ein Schülerlabor...

Als besondere Erscheinungsformen seien externe Praktika erwähnt: Ausbildungseinrichtungen (Universitäten, Fachhochschulen, Chemiefachschulen, private Chemieschulen) sind gerne bereit, für Praktika, deren Durchführung den Rahmen der Schulausrüstung sprengen würde, ihre Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Probenvorbereitung und Messen einfacher Verbindungen mit einem durchstimmbaren IR-Gerät, das Gewinnen eines 1H-NMR-Spektrums oder die Bestimmung von molaren Massen gestaltet sich viel interessanter in "wissenschaftlicher Umgebung" - Medien und Methoden zur Praxisorientierung.


top

E-Mail: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de