Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 6.01-6.07


6 Die Chemie als Fach

Präsenzeinheit

Material:

  • Experiment.

6.1 Der Ruf des Faches bei Studierenden des Lehramts

Aus Ihrer Erfahrung heraus war Chemie vermutlich nicht das Lieblingsfach vieler Klassenkameraden. Ernten Sie auch manchmal die Erwiderung auf Ihre Antwort nach dem Studium (Lehramt Chemie): "Uiuiui, das wäre nix für mich."

Folgende Umfrage habe ich in der Vergangenheit unter Studierenden des Lehramts Chemie an der Uni Bayreuth gemacht. Die Anweisung lautete: melden Sie sich, wenn Sie mit folgender Behauptung überein stimmen.

  1. Ich studiere sehr gerne Chemie.
  2. Ich fand Chemie faszinierend, schon bevor sie Schulfach wurde.
  3. Bei mir ist die "Liebe zur Chemie" während des Chemie-Unterrichts entstanden.
  4. (früher) Ich würde Chemie auch dann als Fach wählen, wenn es zu Biologie andere Kombinationsmöglichkeiten gäbe (damals war in Bayern Biologie für Gymnasien nur mit Chemie kombinierbar).
  5. Ich glaube ich hatte meistens sehr gute Chemie-Lehrer.
  6. Ich empfinde an der Chemie besonders schwer... (Satzbeiträge).


Abb. 1a: Bezug von LA-Studierenden zum Fach Chemie. blau=Studenten, rot=Studentinnen.


Abb. 1b: Veränderungen über die Zeit

Achten Sie auf folgende Phänomene:

  • signifikante bis hoch signifikante Geschlechtsunterschiede im Zeitraum a;
  • nur in der Hälfte der Fälle gibt es über 50% Studierende, die zustimmen;
  • in Zeitraum b gab es erhebliche Verschiebungen.

6.2 Der Ruf des Faches bei Eltern

Vor dem Hintergrund der Einschätzung der Chemie durch die Gesellschaft entsteht die Einschätzung des Unterrichts-Faches:

  •  Chemie gilt (im Rahmen der Naturwissenschaften) bei Eltern nicht als "bildendes" oder "allgemeinbildendes" Fach.
  •  In der Wichtigkeit rangiert es weit hinter M, D, E, G und gerade noch vor Musik und Erdkunde.

 Folgen: Bei schlechten Schülerleistungen im Fach Chemie werden die Eltern

  • kaum die Kinder durch Nachhilfeunterricht stützen, eher eine 5 im Zeugnis in Kauf nehmen; und
  • sie werden sich nicht engagieren, negative Haltungen der Kinder dem Fach gegenüber abzubauen, da sie selber in der Schule entweder sehr wenig mit Chemie zu tun hatten oder mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpften.

Die Auswertung von 600 Verbraucheranfragen der Jahre 1981-86 ergab, dass Erwachsene erhebliche Wissensdefizite in den Bereichen Lösen und Lösemittel, Metalle, Säuren, Seifen und Fette, Filtrieren und Gärungsvorgang haben.

Wissen in den Bereichen Teilchen, Reaktionen, Stoffe ist praktisch nicht vorhanden, somit auch nicht die Anwendbarkeit solchen Wissens auf Alltagssituationen. Dies gilt auch für Lehrer mit anderen Unterrichtsfächern!

In Bayern ist Chemie nach der Abiturreform G8 eines der am seltensten gewählten Abiturfächer. Es ist also nicht zu erkennen, dass sich diese Lernenden als Eltern in Zukunft anders verhalten werden.


6.3 Der Ruf des Faches bei Lernenden

Lernende selber schätzen die Wichtigkeit (oder eher die Interessantheit?)  von Chemieunterricht (und Naturwissenschaften) durchaus hoch ein. Das zeigt die hohe Zahl von Themen mit chemischen Gesichtspunkten bei Wettbewerben wie "Schüler experimentieren" und "Jugend forscht". Auf der anderen Seite sind aber nur 16% der Themen aus dem Unterricht erwachsen und das Fach Chemie rangiert in der Beliebtheitsskala weltweit, geschlechts- und altersübergreifend, im letzten Drittel der Fächerliste (Abb. 3).


Abb. 3:
Beliebtheit der Schulfächer
[4]. Die Skala reicht von -100 bis +100 Punkte.

Sozialkunde ist neutral, Chemie rangiert auch nach neueren Untersuchungen stets auf den hinteren Rängen.

Interessant ist, dass das Interesse bei Lernenden durchaus im Anfangsunterricht vorhanden ist, dann aber im Verlauf stark abnimmt, dazu noch bei den Geschlechtern in sehr unterschiedlichem Ausmaß:


Abb. 4
: Fach- und Lehrerbeliebtheit
[4]

Bei anderen Fächern findet sich diese absteigende Tendenz nicht, was der Chemie eine zweifelhafte Sonderstellung beschert. Das legt den Schluss nahe, dass die ablehnende Haltung im Unterricht entsteht.



Abb. 5: Einstellung der Schüler zum Chemieunterricht, Auswahl nach [2]. Die Werte sind: 1=stimme voll zu, bis 5=lehne es ab.

Hinweis: Widerspruch zwischen Fragen 8 und 9!

Diese Einstellung gegenüber dem CU ist auf andere Schularten (RS), andere Bundesländer (BY, BW), andere europäische Länder (S, LV, A, GB) und die USA übertragbar.

Die erste Untersuchung zur Fachbeliebtheit lässt immerhin hoffen, dass man im Unterricht durchaus eine Einstellungsänderung erreichen kann. Hinweise zum "wie" liefern differenziertere Untersuchungen:


Abb. 6: Differenzierung nach Unterrichtsaktivitäten [4]. Die Probanden hatten schon drei Jahre Chemieunterricht.

Ergebnis: Chemieunterricht ist nur dann beliebt, wenn

  • er anschaulich gestaltet wird,
  • experimentiert wird (erstaunlicherweise bevorzugt durch Lehrende),
  • man selbst (als Lernender) die chemische Zeichensprache beherrscht (andere Untersuchung) bzw. wenn diese dosiert und sorgfältig eingeführt wird.

Zusammenfassung der Gründe für die Unbeliebtheit von Chemieunterricht:

  • "Enttäuschte Jugendliebe": die Hoffnung auf Verstehen wird für die meisten nicht erfüllt, weil die Anforderungen (im abstrakten Bereich) sehr hoch sind bzw. weil am Anfang der wissenschaftlichen Gliederung die unbeliebten Themen (Atombau) stehen.
  • Sind die Eltern enttäuscht worden, werden sie es den Kindern weitererzählen, sie ggf. in ihrer Ablehnung bestärken.
  • "Betrug": der Bezug zur Lebenswelt oder zum Alltag wird häufig nur als Einstieg gewählt, nach 5 Minuten ist der Lehrer dann doch bei der reinen, abstrakten Chemie angekommen.
  • Mangel an Anschaulichkeit: der CU orientiert sich in zunehmendem Maß am universitären Abstraktionsniveau; das kann seltenst mit guten Beispielen konkretisiert werden.

Experiment: Ionengrössen.

  • "Chemielehrer sind Unsympathen", weil sie streng bewerten (schlechte Notenschnitte in schriftlichen Arbeiten)... oder umgekehrt?

Hinweis: Folie oben: Differenzierung nach Unterrichtsaktivitäten.


6.4 Vorschläge zur Lösung:

  • Häufiger herstellen sozialer Bezüge:
    • Eingehen auf die Persönlichkeit von Forschern
    • Diskussion von Auswirkungen der Chemie auf das tägliche Leben
    • Diskussion von gesellschaftlichen Haltungen zu chemischen Themen
    • Wertung der Haltungen.
  • Bevorzugung von handlungsorientiertem Unterricht, d.h. Unterricht mit Aktivität beim Experimentieren, Arbeiten mit Modellen, Anschauungsmaterial für mehrere Sinne...
  • Bevorzugung von Experimenten gegenüber anderen Medien.
  • Bevorzugung von produktorientierten Experimenten, d.h. mit alltags- und anwendungsnahen Inhalten.
  • Bevorzugung von Experimenten mit "tiefenpsychologisch positiver Wirkung", d.h. solchen, die angenehme Farben und Gerüche produzieren. Häufig ist die erste Bemerkung der Schüler beim Betreten des Chemiesaales "Hier stinkt´s!" und damit ist die emotionale Einleitung des Unterrichtes gemacht.

Zur eigenen Kontrolle:

  1. I: Nennen Sie drei Gründe dafür, dass Chemie als schweres Fach gilt.
  2. II: Ergänzen Sie die Gründe für "schweres Fach" durch je eine passende Lösung.

Hinweise zur Lösung


Download der Abbildungen als PowerPoint - Präsentation

E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de