Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 5.36-5.42


5.7 Einfache Unterrichtsformen

Was methodische Maßnahmen betrifft, sind wir fast am Ende angekommen: von den weitreichenden Konzeptionen (makromethodische Maßnahmen) über Unterrichtsmethoden hin zu dem, was man bei der Unterrichtsbeobachtung erkennt und versteht, ohne eine Ahnung von Didaktik zu haben. Trotzdem kann man durch unüberlegten Einsatz bei Lernenden Verwirrung stiften...


5.7.1 Der Lehrgriff [1]

Lehrgriffe und ihre Handhabung müssen Sie und Ihre Lernenden nicht eigens erlernen, Sie benutzen sie im Alltag und in derselben Bedeutung wie im Unterricht und sie werden deshalb in der Regel auch spontan verstanden:

  • Sie rufen einen Schüler (!) auf,
  • Sie fragen Schüler (!) etwas (nicht das Unterrichtsgespräch ist gemeint),
  • Sie zeigen etwas oder deuten auf etwas,
  • Sie bringen Lernende zum Warten, Stillsein oder Reden durch eine Geste...

Lehrgriffe sind einfache, kurz andauernde Einzeltätigkeiten.


5.7.2 Die Lehrtechnik

Dazu gehören die Bsp. 1:

  • spannend erzählen,
  • ein erfolgreiches Unterrichtsgespräch führen,
  • motivierendes Bewerten von Antworten...

Über die Bewertung von Lehrgriffen und -techniken, wann sie z.B. falsch oder richtig, gekonnt oder ungekonnt eingesetzt wurden, herrscht weitgehend Konsens. Ihre Beherrschung ist eine "notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für guten Unterricht" [5]. Dies bedeutet, dass man nicht notwendigerweise ein schlechter Lehrer sein muss, wenn man in diesem Bereich Fehler macht, diese Fehler wirken aber wie "Sand im Getriebe": je mehr vorkommen, desto schädlicher ist die Wirkung und desto mehr erschweren sie das Zuhören oder Lernen unnötigerweise. Im Folgenden gebe ich Hinweise, was Sie tun sollten, um ein möglichst schlechter Lehrer zu werden ("Kunstfehler"):

  1. Sprache (Bereich wird in der Übung "Medien..." im 3. Sem. noch konkretisiert)
    • sprechen Sie leise und monoton, machen Sie lange Pausen, dann haben Sie Ruhe im Klassenzimmer, weil Ihre Schüler einschlafen;
    • reden Sie möglichst laut und sprechen Sie hastig - so "kriegt man viel Stoff durch" und fordert seine Schüler (!) ebenfalls zu mehr Lautstärke heraus;
    • nuscheln Sie im breiten Dialekt, damit Ihre Schüler möglichst wenig verstehen - sonst haben die zu Hause ja nix zu tun und das Fach erscheint ihnen zu leicht;
    • erzählen Sie im persönlichen Stil ("ich schütte meine gelbe Lösung in mein Becherglas und messe meine Temperatur"), denn dieser persönliche Bezug erhöht den Humoranteil im Unterricht (die Schüler sind sicher an Ihrer Temperatur interessiert);
    • verwenden Sie eine breite Palette an Füllwörtern (ähm, quasi, eben, sozusagen, nich' wahr, erfinden Sie noch welche dazu) - das erleichtert Ihren Schülern die Suche nach einem Spitznamen für Sie ("der Quasi-Schmidt" oder die "äh-Tante")
    • halten Sie sich mit Körpersprache zurück: Hände in die Hosentaschen, Rücken steif, Kopf einziehen, gucken Sie stets in eine von den 8 Raumecken, da gibt es sicher eine noch unentdeckte Spinnenart;
    • verwenden Sie stereotype Gestik: Hände reiben wie der Pfarrer, Brille auf- und abnehmen, Spickzettel-Stapel aus einer Hand in die andere... das lenkt Schüler ab;
    • verwenden Sie möglichst viele unbekannte Begriffe oder erklären Sie diese erst in der nächsten Stunde - das lässt Sie kompetent erscheinen, weil keiner versteht, worüber Sie sprechen;
    • seien Sie mit Stichworten als Antwort zufrieden - mehr ist von Schülern (!) heutzutage eh nicht zu erwarten...; oder
    • wiederholen Sie Schülerantworten (Lehrer-Echo) wörtlich - dann fühlen diese sich fast wie im Abenteuer in einer großen Höhle.
  2. Im Unterrichtsgespräch:
    • beteiligen Sie nur einzelne Lernende, die "Chemiecracks", bei den anderen ist Ihre Mühe sowieso vergeblich;
    • geben Sie mehrere Arbeitsanweisungen gleichzeitig und unklar, intelligente Lernende werden das schon schaffen, sonst "gehören sie nicht aufs Gymnasium";
    • verwenden Sie unklare Adressierung („könnte jemand die Tafel wischen...“), das klingt sehr höflich;
    • tadeln Sie immer die ganze Klasse für das Fehlverhalten einzelner ("seid doch mal leise...");
    • keine Zeit zum Überlegen lassen, denn "wer nachdenken muss hat nicht gelernt";
    • unterbrechen Sie Lernende immer, wenn der Fachbegriff nicht ganz exakt ist oder die Betonung nicht genau passt, nie ausreden lassen;
    • seien Sie statisch, suchen Sie sich Ihr Plätzchen im Fachraum und verlassen Sie dieses nicht - es könnte Ihnen streitig gemacht werden (z.B. der Heizkörper);
    • wenn Sie dann doch Bewegung in den Unterricht bringen möchten, laufen Sie vor der Klasse hin und her (der Tiger tut's ja in seinem Käfig schließlich auch) ...
    • Fragen Sie alles, auch nach dem, was Sie erst unterrichten wollen, man muss ja wissen, was Schüler (!) schon "mitbringen" - es könnten ja Wiederholer in der Klasse sein;
    • Erarbeiten ist dasselbe wie herausfragen, Hauptsache, das Stichwort fällt;
    • verwenden Sie Suggestivfragen, dann "kommen die schon drauf";
    • wird die Frage von Einigen nicht verstanden, dann formulieren Sie diese so oft um, bis sie keiner mehr versteht;
  3. Beim Medieneinsatz:
    • stellen Sie den Projektor unscharf - die meisten Lernenden sind sowieso kurzsichtig, das gleicht sich dann aus;
    • kleine Schrift ist gar kein Problem - junge Leute sehen besser als Lehrer;
    • für Vorarbeiten ist während des Unterrichts genug Zeit - sparen Sie sich die Vorbereitung (z.B. Film/DVD einlegen, Folien suchen, Experimentiermaterial bereit legen...)
    • stellen Sie sich vor die Tafelanschrift, denn wer langsamer schreibt als Sie gehört nicht aufs... (hatten wir schon);
  4. Beim Hilfen geben:
    • möglichst großschrittig und von weit hergeholt, wer intelligent ist... (hatten wir auch schon); wenn das nicht geht dann wenigstens
    • trivial und, ungegliedert.
  5. Bei schriftlicher Korrektur:
    • erfinden Sie Ihre eigenen Korrektur-Zeichen in großer Vielfalt, denn sollte die Korrektur nachvollziehbar sein, müssen Sie Fragen von Schülern (!) (und ihren Eltern) fürchten; hüten Sie sich deshalb vor Transparenz;
  6. Affektive Maßnahmen:
    • gute Durchlüftung ist "unchemisch" ("das Schlimmste was einem Chemiker passieren kann ist frische Luft");
    • stellen Sie eine möglichst niedrige oder hohe Raum-Temperatur ein, so können Sie die RGT-Regel bei jeder beliebigen Reaktion bestätigen;
    • sparen Sie am Licht - das spart der Schule Energiekosten;
    • machen Sie keine Pause(n), daran erkennt man die junge, dynamische Lehrkraft.

Anmerkung: bei den Texten in Anführungszeichen handelt es sich tatsächlich um Zitate, die ich im Verlauf meiner Lehrer- und Dozenten-Tätigkeit von Kollegen tatsächlich anhören musste. Ich entschuldige mich für sie.

Aufgabe: Formulieren Sie zu den vorausgehenden Aussagen die positiven Varianten schriftlich.

An der Beherrschung dieser Techniken erkennt man den "Profi", beim Fehlen den Laien. Sie können im Studium nur angebahnt und müssen in der zweiten Phase der Lehrerbildung ("Referendariat") eingeübt und perfektioniert werden. Dazu ist eine Rückmeldung durch Beobachter (Seminarlehrer, Betreuungslehrer) erforderlich.

Eine Lehrtechnik (engl. teaching skill) ist eine komplexere Tätigkeit, deren Anwendung gelernt werden muss. (Tut mir leid, genauer lässt sich das nicht definieren, aber halten Sie sich an die Beispiele oben).

Es ist auch daran zu denken, dass diese aus der Erfahrung stammenden Verhaltensregeln von Lernenden hinterfragt werden. Sie sollten auch von Ihnen hinterfragt werden. Manche sind durchaus diskutier- und vereinbarungsfähig:

  • Warum sollen auch Lehrende schön schreiben?
  • Warum sollen Lernende im Unterricht gepflegter sprechen als im Alltag?
  • Warum ist ein subtil geführtes Unterrichtsgespräch besser als straffe Führung durch Lehrende?
  • Warum muss jede Hausaufgabe kontrolliert und korrigiert werden?

5.7.3 Der Impuls

Oft gehen Mode-Erscheinungen durch die schulische Methoden-Welt, bei denen man gerne versucht, alle pädagogischen Probleme mit einer "neuen Methode" zu lösen. In den 70er und 80er Jahren des 20. Jh. war es der Impuls.

Hintergrund: Die Impuls-Arbeit stammt offenbar aus den 70er Jahren, als Spontaneität sehr "in" war [5]. Geht man der Bedeutung des Begriffes nach, findet man zwei Sichtweisen:

  • im Sinne von "freiwillig, aus eigenem Antrieb heraus" (Duden) und
  • "eine ohne ersichtlichen Grund bzw. ohne auslösende Reizgrundlage erfolgende Aktivität" (Drever, nach [5]).

Folgerichtig dürfte man dann als Lehrer überhaupt nicht versuchen, "Spontaneität" auszulösen, weil es dann gar keine mehr ist.

Ein Impuls im unterrichtlichen Sinn ist ein Oberbegriff für alle beabsichtigten Verhaltensäußerungen (verbale UND Körper-Sprache) des Lehrenden, die ein bestimmtes Verhalten von Lernenden auslösen sollen.

Probleme:

  • Wenn man vor der Klasse steht und mit einem Gegenstand herumwedelt, sind die Äußerungen von Lernenden, die das sehen, gar nicht spontan.
  • Auch "spontane" Äußerungen werden früher oder später im Verlauf des Unterrichts dem Ziel der Unterrichtseinheit untergeordnet.
  • Die Gefahr des "assoziativen Abgleitens" ist sehr groß:

  • Spontaneität ist den meisten Lehrenden (sofern sie Instruktion pflegen) gar nicht recht, weil dann der zu Hause so gut vorbereitete Unterrichtsplan ins Wanken gerät, sie ist nur in dem Ausmaß recht, als sie dem sowieso geplanten Unterrichtsverlauf entgegen kommt.
  • Spontane Äußerungen sind, sofern sie wirklich spontan sind, zu begrüßen und für guten Unterricht wertvoll... aber sie bedürfen der "Bearbeitung" im Unterricht, damit sie auch zu den erwünschten Lernprozessen führen. Dies gelingt meistens erst nicht beim ersten Versuch.

Aufgabe: Notieren Sie Vermutungen, welche Äußerungen Sie auf folgenden stummen Impuls erhalten:


Abb. 2: Dozent simuliert den stummen Impuls "Kreide".

So weit der Versuch, "alle" Probleme zu lösen. Trotz dieser langen Liste von Kritik hat die Idee des Impulses auch seine Leistungen und mittlerweile stellt sich der Eindruck ein, dass nur noch diese übrig sind, nachdem die "Mode" vorbei ist:

Ein Leitimpuls "leitet die Unterrichtseinheit ein" und nimmt eine Schlüsselstellung ein. Synonym wird häufig der Begriff "Einstieg" verwendet. Ziel ist es, damit Lernende auf ein zu bearbeitendes Problem einzustimmen.

Hilfsimpulse steuern ggf. in die gewünschte Richtung.

Unterrichtsforschung heißt die Teildisziplin der Didaktik, die sich mit der Erhebung solch "exakter" Daten beschäftigt. Dabei darf man jedoch nicht strenge Aussagen im naturwissenschaftlichen Sinne erwarten, etwa von "eine Ursache - nur eine und verlässliche Wirkung". Interaktionsanalysen stehen den numerischen Methoden sehr nahe: hierbei versucht man, möglichst viele Faktoren, die (angeblich) den Unterricht mitbestimmen, zu erfassen und zu bewerten, in der Hoffnung, mit der großen Zahl an Faktoren das komplexe Geschehen genau genug zu erfassen. Dabei wird der Kontext vernachlässigt, in den eine isolierte Maßnahme erst ihre Wirkung entfaltet:

  • Lächeln kann freundlich, aber auch ironisch oder hämisch erfolgen;
  • die Zahl der Äußerungen von Lernenden sagt nichts über ihre Qualität aus.

Zur eigenen Kontrolle:

  1. I: Stellen Sie drei Vorteilen des Impulses drei Nachteile gegenüber.
  2. II: Stellen Sie eine Liste von 5 Lehrer-Kunstfehlern auf, die Ihnen persönlich sehr peinlich wären. Geben Sie Ihre persönliche Strategie an, wie Sie diese vermeiden könnten.

Hinweise zur Lösung


Download der Abbildungen als PowerPoint - Präsentation

E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de