Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 5.31-5.35


5.6 Räumliche Ordnung von Unterricht

Der Raum wird gerne als "dritter" oder "vierter Pädagoge" bezeichnet.


Aufgabe 1: Recherchieren Sie im WWW die Begriffe "dritter Pädagoge" und "vierter Pädagoge". Stellen Sie zusammen, was diese leisten sollen.


5.6.1 Gewöhnliche Ordnungen

In diesem Kapitel beschreibe ich "Sitzordnungen", die Sie vermutlich aus Ihrer Schulzeit kennen. Alle sind Elemente mehr oder weniger ausgeprägter Instruktion und erlauben in unterschiedlicher Weise Arbeitsformen.

Die räumliche Ordnung in einem Klassenzimmer ist die äußere Form der Sozialformen.

5.6.1.1 Der Block


Abb. 1:
Hör- oder Klassenblock

Beschreibung. Lernende sitzen im Block entweder in langen Reihen (Hörsaal) oder zu zweit an Tischen in Reihe und schauen in eine Richtung. Alle nehmen eine vergleichbare Position zur Tafel und zur Tageslicht-Quelle (Fenster) ein. "Vorne" befindet sich der Platz für Präsentationsmedien (Präsentationsfläche für Beamer, OHP, bzw. eine Tafel-Variante). Dazwischen bewegt sich ein Lehrender. Man erkennt, dass hauptsächlich die darbietend-aufnehmende Arbeitsform unterstützt wird. Im Vergleich zu den anderen "Sitzordnungen" erscheint diese platzsparend. Besonders bei langen Sitzreihen ist die individuelle Betreuung nicht möglich.

Bsp.: Dies ist der Standard in bayerischen Schulen, besonders in der Unter- und Mittelstufe (Sek. I). Außerhalb der Schulen findet man die Ordnung in Hörsälen der Hochschulen sowie Kirchen und Kulturstätten (Theater- und Konzertsäle).

5.6.1.2 Das Hufeisen


Abb. 2:
Hufeisen

Beschreibung. Lernende sitzen "in Hufeisen-Form" an den Rändern des Raumes und schauen nach Innen. Sie nehmen stark unterschiedliche Position zur Tafel (wenige frontal, ein Teil links- der andere rechtsseitig) und zur Tageslicht-Quelle (manche frontal, wenige seitlich, andere erhalten das Licht von hinten) ein. "Vorne" befindet sich der Platz für Präsentationsmedien. Dazwischen bewegt sich ein Lehrender. Man erkennt, dass hauptsächlich die zusammenwirkende, aber auch die darbietend-aufnehmende Arbeitsform unterstützt werden. Im Vergleich zur blockartigen "Sitzordnung" benötigt man für die gleiche Zahl von Lernenden etwas mehr Platz. Individuelle Betreuung ist grundsätzlich möglich.

Bsp.: Sie kennen das eher aus der Oberstufe und Räumen, in denen der Unterricht geisteswissenschaftlicher Fächer statt findet. Außerhalb von Schulen sind Seminar- und Besprechungsräume oft so organisiert.

5.6.1.3 Gruppentische


Abb. 3:
Gruppentische.

Beschreibung. Lernende sitzen zwar an Doppel- oder Einzeltischen, diese sind jedoch so zusammen gestellt, dass Arbeitsgruppen von meist 4-6(8) Lernenden entstehen. Die Gruppen sitzen in sich kreisförmig angeordnet, insgesamt über den gesamten Raum verteilt. Lernende nehmen jede denkbare Position zu Tafel und zur Tageslicht-Quelle ein. An einer Wand des Raumes befindet sich der Platz für Präsentationsmedien. Lehrende bewegen sich frei im Raum zwischen den Gruppentischen. Man erkennt, dass hauptsächlich die aufgebende Arbeitsform unterstützt wird. Im Vergleich zur den anderen "Sitzordnungen" benötigt man für die gleiche Zahl von Lernenden vermutlich den meisten Platz. Individuelle Betreuung ist gut möglich.

Bsp.: Sie kennen diese Ordnung vermutlich aus Ihrer Grundschule. Verwendet wird sie gerne in Fortbildungs-Seminaren während Gruppen-Arbeitsphasen.

Aufgabe 2: Bewerten Sie die Flexibilität der Ordnungen für Wechsel der Arbeitsformen.


5.6.2 Moderne Ordnungen

Für das moderne, aus Lernendensicht selbst organisierte Lernen sind diese "gewöhnlichen" Ordnungen ungeeignet bzw. zu unflexibel. Schulen, die ihr Lernen (und Lehren) konzeptionell öffnen richten Lernlandschaften ein. Diese können ohne große bauliche Veränderungen in den bisherigen (großen) Klassenzimmern eingerichtet werden. Ideal sind allerdings Um- und Neubauten für die individuelle Einrichtung von unterschiedlichen "Lernräumen".


Abb. 4: Räumliche Ordnung in einer einfachen Lernlandschaft.

Eine echte Lernlandschaft besteht aus:

  • Klassenzimmern oder größeren Räumen und

  • der Lernwerkstatt.

Jedes Klassenzimmer hat direkten Zugang und Sichtverbindung zur Lernwerkstatt.

Die Lernwerkstatt lässt sich flexibel gliedern für mehrere Sozialformen und enthält

  • eine Medieninsel mit der erforderlichen Medientechnik (Computer mit Internet-Anschluss, Projektoren, Drucker etc.),

  • ein flexibles Tafelsystem (für Stifte, Magnete und mit Pinwand) sowie

  • eine Bibliothek.

Ganz besonderer Wert wird auf Schalldämmung gelegt.

Erst diese Form der räumlichen Ordnung kommt als "vierter Pädagoge" in Frage.

Darüber hinaus gibt es eine höhere Ordnung für die ganze Schule, die entweder Jahrgangsstufen-Einheiten wiederholt oder eine individuelle Ordnung für das entsprechende Schulprofil und die Beziehungen innerhalb (Lehrende arbeiten in Teams oder als Einzelkämpfer) und außerhalb der Schule (zur Nachbarschaft, zur Kommune) schafft.

Aufgabe 3: Informieren Sie sich anhand des Materials unten sowie eigener Recherche über die pädagogischen Hintergründe von Lernlandschaften: was "bringen" sie für Lernende UND Lehrende?


Beispielhaftes Material:

  1. Das Lernhaus-Konzept https://www.muenchen.de/rathaus/dam/jcr%3A924465db-c6b7-4937-8860-fb527c2034a8/Lernhaus_Brosch%25C3%25BCre_web.pdf, 10.1.19

  2. Die fraktale Schule http://www.fraktale-schule.de/, 11.12.15

  3. Archiv der Zukunft
    http://www.adz-netzwerk.de/Peter-Huebner-Materialien-zur-Schularchitektur.php, 11.12.15

  4. Lernlandschaft http://lern-landschaft.de/, 11.12.15

  5. Beispiel Osterholz-Scharmbeck http://www.campus-ohz.de/index.php/lernlandschaften, 11.12.15

  6. Beispiel Lessing-Gymnasium Neu-Ulm
    http://www.gymnasium2020.bayern.de/unterrichtsentwicklung/
    nachhaltiges_lernen/offene_lernlandschaften/ , 11.12.15

  7. Eine Schule in Magdeburg
    http://www.schulideen.com/schulprojekte/neubau-einer-sekundarschule/, 11.12.15


Zur eigenen Kontrolle:

  1. I-II (je nachdem, ob Sie Aufgabe 1 bearbeitet haben): Arbeiten Sie Leistungen des "vierten Pädagogen" heraus.
  2. II: Ordnen Sie die räumlichen Ordnungen nach Freiheiten, die sie Ihnen als Lehrendem bezüglich der Arbeitsform einräumen. Begründen Sie.

Hinweise zur Lösung


Download der Abbildungen als PowerPoint - Präsentation

E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de