Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 5.25-5.30


5.5 Sozialformen

Leider sind im bayerischen Schulsystem Lehrende in der Einzahl in Klassen tätig. In den meisten Ländern der Welt gibt es mindestens "pädagogische Assistenten", die nicht so hoch ausgebildet sind wie Lehrende, oder sogar Elternteile, die regelmäßig im Unterricht tätig sind. In manchen Ländern gibt es auch das Tandem-Prinzip, wo zwei Lehrende sich eine Gruppe von 32 Lernenden bezüglich Betreuung teilen und in der Regel auch gleichzeitig anwesend sind.

In diesem Kapitel soll es um die anderen Personen gehen, die stets in der Mehrzahl anwesend sind: Lernende.


5.5.1 Gruppen

In einer Gruppe stehen die Mitglieder ständig miteinander in Kontakt. Eine Gruppe erlebt sich als Einheit und wird von Außen auch so gesehen.

Didaktische Gruppen im Kontext Schule sind, soziologisch gesehen, Kleingruppen. Großgruppen wären Parteien, Sportvereine, Konzerne, Schularten und Schulen... . Der Gruppen-Begriff wird im Folgenden in diesem Sinn verwendet.

Man geht heute allgemein davon aus, dass der Mensch sich in Gruppen am wohlsten fühlt: zu lange allein stellen sich Einsamkeits- und Verlassenheitsängste ein. Aber auch in sehr großen Gruppen, "in der Masse", stellen sich Symptome wie Unsicherheit, Stress, irrationale Reaktionen (Massenhysterie, -panik, Gleichschaltung...) und wiederum Einsamkeit ("verloren in der Masse", Anonymität) ein. Gruppen von bis zu 150 Mitgliedern sind übersichtlich genug ("Jeder kennt jeden") und vermitteln als Dorf, Stadtteil oder Organisation seit jeher (aus der Steinzeit schon verbürgt) das Gefühl der Geborgenheit. Größere Organisationen gliedern sich gerne in Einheiten von bis zu 150 Menschen (außer Schulen in Bayern ;).


Abb. 1: Der Begriff "Gruppe" in Beispielen. Schwarz sind Großgruppen, ohne besondere Bedeutung für Fachlehrer.

Bezogen auf Unterricht haben folgende Gruppen Bedeutung:

  • die Klasse (in Bayern sehr oft 32 Lernende); siehe Klassenunterricht und die frontale Situation.

  • die "Gruppe" innerhalb einer Klasse (2-8 Lernende); Gruppenunterricht bzw. Gruppenarbeit.

  • der Einzelne, das Individuum; Einzelarbeit.


5.5.2 Klassenunterricht und frontale Situation

Beim Klassenunterricht (frontale Situation) steht einer kompletten Klasse (Gruppe) von Lernenden in der Regel einem Lehrenden gegenüber.

Historisch stammt diese Sozialform von der Predigt ab, bei der hierarchisch Verkündigung von "Wahrheit" betrieben wurde, nicht etwa deren Diskussion.

Klassenunterricht wird angewendet als frontale Situation, wobei Lernende (Hörer) gleichgeschaltet sind:

  • im instruktivistischen Unterricht regelmäßig; sie folgen alle im gleichen Maß und Tempo dem Lehrervortrag oder einem Lernenden-Referat;
  • im konstruktivistischen Unterricht phasenweise während des Input (durch Lehrende wie Lernende).

Besonders die Normen, die gruppenintern entwickelt werden, verdienen Beachtung durch Lehrende:

Im Übrigen ist Gruppendynamik Gegenstand der Pädagogik und Pädagogischen Psychologie und wird in diesem Zusammenhang sicherlich intensiver noch behandelt.

Sinnvoller Einsatz:

  • Input-Phasen (Informationsvermittlung, Einführungen) oder Zusammenfassungen, Vertiefungen und Weiterführungen von Inhalten, unabhängig davon, ob es Lernende oder Lehrende tun;
  • bei schwierigen Aufgaben, bei denen Lernende auf sich allein gestellt überfordert wären;
  • beim Verfolgen des Kompetenzbereiches Kommunikation:
    • wenn es darum geht, Gesprächskultur zu entwickeln. Von den Lernenden kann immer nur ein kleiner Prozentsatz "drankommen", d.h. die Meisten müssen zuhören, ausreden lassen, aufeinander Bezug nehmen, sachlich bleiben, argumentieren, geduldig sein ...
    • beim Vormachen guter Kommunikation: Demonstration von Arbeits-, Präsentations-, Vortragstechniken bezüglich Mimik, Gestik, Bewegung im Raum, sprachliche Gestaltungsmöglichkeiten... .

Gefahren:

  • „Lehrendenzentrierte Kommandostruktur“: Lehrender bereitet vor und „zieht durch“;
  • nur Lehrende sind aktiv, Lernende passiv, langweilen sich leicht;
  • die Bedürfnisse von Lernenden werden nicht automatisch berücksichtigt: unabhängig von ihrer Aufnahmefähigkeit, Aufmerksamkeit... sprechen Lehrende weiter;
  • als einfachste Form rezeptiven Lernens (Instruktion) verführt Klassenunterricht immer wieder zur Wiederholung;
  • es gibt kaum eine Rückmeldung, ob das Lehrtempo angemessen ist;
  • Lernende werden über die gesamte Klasse pauschaliert.

5.5.3 Gruppenunterricht

Bsp. 2: "Kinder, heute machen wir mal die Methode Gruppenarbeit." - Wenn ich diesen Satz von Ihnen höre, sind Sie in der Veranstaltung automatisch durchgefallen. L

Beschreibung. Lernenden einer Klasse sind für eine begrenzte Zeit in Gruppen aufgeteilt. Diese Sozialform geht davon aus, dass (bezüglich des Themas) Lernen als Konstruktionsprozess aufzufassen sei. Jeder Lernende sollte vielfältige Möglichkeiten geboten bekommen, Erfahrungen mit dem Inhalt zu machen und auf deren Grundlage für sich Wissen zu generieren. Unterricht in Gruppen muss sowohl vom Lehrenden als auch von seinen Lernenden gelernt werden - ein spontaner, unüberlegter Einsatz verbietet sich.

Praktikable Gruppengrößen sind:

  • max. 8 Lernende. Dies ist nur eine Notlösung bei sehr großen Klassen. Die Gruppenzahl ist dabei minimiert. Vier Gruppen lassen sich auch bei etwas schwierigeren Aufgaben, die mehr Betreuung durch Lehrende verlangen, von einem einzelnen Lehrenden überblicken und gezielt betreuen.
  • 3-4 Lernende. Diese Zahl gilt als ideal für Diskussionsaufgaben und als Obergrenze bei praktischen Schülerübungen. Bei geteilter Klasse (32:2=16) ergibt das wiederum 4 Gruppen; bei nicht geteilter Klasse (also 8 Gruppen) erfordert dieser Gruppenunterricht für Lerneffektivität eine zweite Lehrkraft.
  • 2, also Partnerarbeit. Diese gilt als Idealform bei praktischen Schülerübungen.

Sinnvoller Einsatz:

  • Erarbeitung von Lösungsstrategien und Lösungen, z.B. durch Brainstorming, Vergleich, Extraktion von Ideen aus Texten...;
  • Einüben durch Aufgaben lösen, Aufgaben entwerfen, Reorganisationsaufgaben...;
  • Diskussion von Folgen, Was-wäre-wenn-Szenarien...;
  • Förderung von Sozialkompetenz ("kooperatives Lernen");
  • Leistungsdifferenzierung;
  • Binnendifferenzierung;
  • Anpassung des Arbeitstempos an individuelle Bedürfnisse.

Für den sinnvollen Einsatz müssen einige Rahmenbedingungen erfüllt bzw. organisatorische Maßnahmen getroffen werden:

  1. Lehrziele sind eindeutig durch das Plenum oder Lehrende gesetzt, damit Lernende daraus eigene Lernziele generieren können.
  2. Der Arbeitsauftrag an die Gruppe ist klar und differenziert durch Lehrende gegeben oder vereinbart und am besten schriftlich festgehalten.
  3. Der Zeitrahmen ist festgelegt, vorgegeben oder vereinbart und angemessen (i.d.R. 5-15 Minuten).
  4. Materialien sind bereit gestellt (Literatur, Medien, zum Notieren, Experimentieren...)
  5. Die Arbeitsmethode ist vorgegeben oder vereinbart und bekannt (z.B. ein Methodenbaustein wie Kugellager, Lernzirkel, abgestufte Lernhilfen, etc.)
  6. Ein räumlicher Arbeitsbereich ist zugewiesen oder kann frei gewählt werden (etwa in einer Lernlandschaft).
  7. Ein Gruppensprecher ist gewählt oder bestimmt; er/sie ist verantwortlich für das Einhalten der Rahmenbedingungen, organisiert das geregelte Abholen und Abliefern von Material, die Präsentation der Ergebnisse...
  8. Die Fixierungsform für Ergebnisse ist vereinbart oder bestimmt.
  9. Ergebnisse werden durch Lehrende oder das Plenum in geeigneter Form gewürdigt.

Falls diese Bedingungen alle erfüllt werden, freuen Sie sich als Lehrender auf folgende Erfolge:

  • Sie erziehen Ihre Lernenden zur Kooperation durch Kooperation (Sozialkompetenz).

  • Sie halten einen abwechslungsreichen Unterricht durch Wechsel der Aktionsform, indem Sie die dominante Lehrendenrolle herausnehmen.

  • Sie nutzen eine weitere Möglichkeit der Differenzierung.

  • Ihre Anforderungen beschränken sich nicht nur auf Wissen, sondern fordern auch Organisation und das Miteinander.

  • Sie können Ihr Lehrtempo eher an das Lerntempo einzelner Individuen anpassen, denn das Arbeitstempo der Gruppen ist sicher sehr unterschiedlich.

Darüber hinaus sind vielfältigere Ideen, höhere Motivation, gesteigerte Kreativität und bessere Lernverstärkung gegenüber der frontalen Situation zu erwarten.

Die Art und Weise der Gruppenbildung kann erheblichen Einfluss haben, je nachdem ob

  • die Zusammensetzung selbst gewählt oder

  • durch Lehrende bzw. durch Zufall fremd bestimmt wurde.

Fremdbestimmung sieht auf den ersten Blick autoritär und Lernenden-feindlich aus, muss es aber nicht sein: oft entdecken Lernende, dass ein Gruppenmitglied, über das sie erstmal nicht begeistert waren, doch sehr wertvoll ist - diese Erfahrung wäre ihnen sonst entgangen.

Grenzen. Gruppenarbeit ist kein Selbstläufer. Überschreitet man die folgenden Grenzen, stellen sich leicht Misserfolge ein.

  • Misserfolge müssen toleriert werden: Voraussetzungen für Gruppenarbeit, wie z.B. eine soziale, kooperative Grundhaltung, lassen sich nur in Gruppenarbeit erlernen.
  • Durch Lehrende ist weitsichtige Führung mit klaren Zielvorgaben, optimaler Schrittgrößen, geeigneter Aufgabenstellungen erforderlich.
  • Geeignete Aufgaben wären die mit horizontaler Bearbeitung, d.h., bei denen Lernende die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten besitzen und die Breite eines Problems bearbeiten.
  • Nicht geeignete Aufgaben sind die mit vertikaler Bearbeitung, d.h. Erarbeitung der Tiefe eines Problems.
  • Kooperation in der Gruppe ist kein Garant für Harmonie - man muss mit Streit oder Ineffektivität rechnen.
  • Gruppenarbeit ändert die Persönlichkeit nicht: sie ist keine Therapie bei Disziplinschwierigkeiten.
  • Einzelne können sich ausklinken, Trittbrett fahren... deswegen ist Aufsicht erforderlich.
  • Das hohe Ausmaß an Selbständigkeit kann schwache Lernende überfordern.
  • Nicht jeder Charakter arbeitet gerne mit anderen zusammen (aber es gibt ja noch die Einzelarbeit).       ;)

5.5.4 Einzelarbeit

Einzelarbeit kann sowohl als Extremform der Binnendifferenzierung (Gruppengröße: 1 Person), als auch als frontale Situation aus Sicht eines referierenden Lernenden aufgefasst werden. Wird sie extensiv angewendet, verkehren sich alle Vorteile der Gruppenarbeit in Nachteile.

Sinnvoller Einsatz:

  • konzentriertes Arbeiten an einem Problem,
  • Bearbeiten von Erfolgskontrollen,
  • Selbstkontrolle,
  • Prüfungen,
  • unvermeidliche Memorier-Aufgaben ("auswendig Lernen" von Namen, Regeln, ...).

Zur eigenen Kontrolle:

  1. III: Beschreiben Sie gegenseitige Abhängigkeiten von Arbeits- und Sozialformen. Sortieren Sie nach sich gegenseitig unterstützenden und sich gegenseitig behindernden Kombinationen. Begründen Sie.
  2. III: Stellen Sie ein Flussdiagramm zur Entscheidungsfindung für eine geeignete Sozialform für Ihre geplante Unterrichtseinheit auf. (Falls Sie nicht wissen, was ein Flussdiagramm ist und Wikipedia Sie auch im Stich lässt: formulieren Sie fünf Fragen an sich selbst, nach denen Sie Ihre Entscheidung treffen).

Hinweise zur Lösung


Download der Abbildungen als PowerPoint - Präsentation

E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de