Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 5.14-5.17


5.3 Lehrende (früher: Lehrer)

Gibt es DEN typischen Chemielehrer?


5.3.1 Reale Lehrende

Lehrende sind professionelle Erzieher. 

Fachlehrende sind professionelle Erzieher mit dem gesellschaftlichen Auftrag zur Vermittlung spezieller Kenntnisse und Wissensformen.

Chemie-Lehrende sind Fachlehrende.

Junge Lernende lernen hauptsächlich für den Lehrenden. Ältere Lehrende lernen immer noch lieber für einen sympathischen als für einen unsympathischen Lehrer.

Problemstellung: Wie ist der typische Chemie-Lehrende?

Zu einzelnen, recht engen Altersstufen gibt es Befunde, die vermuten lassen, warum die Entwicklung "ab jetzt" in die eine oder andere Richtung verläuft. Verknüpft man diese Wissensbruchstücke zu einer Kette, kommt eine Erklärung heraus, die etwa wie folgt lautet:

"Im Alter von bis zu 4 Jahren entscheidet sich, ob man Situationen bevorzugt, die 

  • objektiv sind, d.h. die klaren Regeln gehorchen, ohne dass man sich mit anderen Personen auseinandersetzen muss, oder ob man
  • es schafft, eine Vielzahl von (subjektiven) Meinungen durch (geduldiges) Auseinandersetzen mit den zugehörigen Personen in absehbarer Zeit zu vereinen."

Schon in der gymnasialen Oberstufe, erst recht im naturwissenschaftlichen Studium, werden hauptsächlich Situationen angeboten, in denen die Entscheidungskriterien, ob richtig oder falsch, klar definiert sind; für persönliche Mitbestimmung ist kein Raum.

Entsprechend wird nur ein ganz bestimmter Personenkreis die Ausbildung zum Chemielehrer wählen, d.h. Sie, die Studierenden, sind eine enge Auswahl aus dem Bevölkerungsquerschnitt, der ungern Regeln zur Diskussion stellt, recht gut formal denken kann und von vornherein Interesse für das Fach mitbringt.

Die Folgen für die Praxis von Lehrenden könnten sein:

  • Dass Situationen gemieden werden, in denen die Rollen nicht klar verteilt, die Ergebnisse nicht zumindest teilweise absehbar sind, wie z.B. der Beitrag des Einzelnen in der Gruppenarbeit;
  • dass Aktivitäten von Lernenden schwer angeregt und bewusst gefördert werden können, weil seit der frühen Kindheit Verhaltensweisen nicht mehr eingeübt wurden, Personen so zu steuern, dass das Gesteuert-werden diesen nicht (negativ) auffällt;
  • dass Einwände von Lernenden missverstanden werden, die ein Problem ganzheitlich angehen, weil es von der Ausbildung her vorgezogen wird, "linear-kausal" zu denken; Bsp.: "Das gehört nicht in die Chemie..." oder, dass nicht verstanden wird, wieso Lernende ein experimentelles Ergebnis aus ästhetischer Sicht interpretieren.
  • dass der Wert von Schülerübungen nicht hoch genug eingeschätzt wird, weil (Zitat eines Bayreuther Lehrers) "fachlich dabei kaum etwas herauskommt", und dabei z.B. die psychomotorischen Lehrziele ignoriert;
  • dass ein emotionsfreies Unterrichtsklima geschaffen wird, das Lehrende für die Vermittlung von Fachwissen für erforderlich halten, dabei aber den Wert der affektiven Lernziele für das Lernen und die Lernbereitschaft nicht erkennt.
  • dass Fragen von Lernenden eindimensional nur auf der Sachebene verstanden werden. Lernenden-Fragen haben jedoch mindestens zwei weitere Ebenen:


5.3.2 Gute Lehrende nach HATTIE

Die Hattie-Studie. Sie ging in den vergangenen Jahren (2008-2012) stark durch die deutsche Presse. Was war passiert? Da hatte es jemand auf sich genommen, 736 Meta-Analysen, bestehend aus insgesamt 52637 Studien mit über 236 Mio. Teilnehmern zum Thema Unterricht und Schule auf Wirksamkeit von Maßnahmen hin zu untersuchen. John Hattie war damals Pädagogik-Professor an der Universität Auckland, ist heute Direktor des Melbourne Education Research Institute, University of Melbourne, Australien. Die Parameter hat er in 6 Domänen eingeteilt: students (!), parents, school, teachers, curriculum und teaching. Uns soll an dieser Stelle nur interessieren, was zum Thema Lehrende heraus kam

Parameter aus der Gruppe "Beiträge der Lehrperson"

Effekt d

a Lehrerbildung 0,11
b Micro-Teaching 0,88
c Fachkompetenz 0,09
d Qualität der Lehrperson aus Schülersicht 0,44
e Lehrer-Schüler-Beziehung 0,72
f Lehrerfort- und -weiterbildung 0,62
g Lehrererwartungen 0,43
h Nicht-Etikettieren von Schülern 0,62
i Klarheit der Lehrperson 0,75

Aus den Bezeichnungen der Parameter und ihrer Wirksamkeit (es ist im Moment nicht erheblich, was d bedeutet - die Verhältnisse der Werte zueinander sind ausreichend), lassen sich schon Rückschlüsse auf Merkmale guter Lehrender ziehen. Wir beschränken uns hier auf Eigenschaften und lassen das, was Lehrende tun, erstmal abseits liegen.

Gute Lehrende...

  • ... haben einen "guten Draht" zu ihren Lernenden, die Atmosphäre in der Klasse ist sozio-emotional in Ordnung (e);

  • ...brauchen kein überhöhtes Fachwissen (c);

  • ...müssen Engagement für ihre Weiterbildung beweisen (f);

  • ...sollten angemessene Erwartungen an ihre Lernenden haben und ihre Anstrengung fördern (g);

  • ...Lernende nicht "vor-urteilen", z.B. als "4er-Schüler etikettieren" (h);

  • ...haben eine klare Vorstellung von dem, was sie durch Unterricht erreichen wollen (i);

  • ...haben eine klare Vorstellung von Erfolgskriterien, Leistungserwartungen und Leistungsvermögen ihrer Lernenden und passen ihre Bewertung darauf an (i);

  • ...zeigen Offenheit für Überraschungen und

  • ...binden ALLE Lernenden ein.

Daneben spielt die Methodenkompetenz (b, f, i) eine große Rolle, was aber hier nicht betrachtet wird.

Zitat [52]: "Nicht was Lehrpersonen tun ist wichtig, sondern was EINIGE Lehrpersonen tun." ... "... es kommt auf diejenigen Lehrer an ... die den Lernenden zeigen, wie man Denkweisen und Strategien entwickelt."


Zur eigenen Kontrolle:

  1. II: Arbeiten Sie Merkmale des "typischen" Chemielehrers als Gefahren für den Beruf heraus (Antwort auf das Eingangsziel).

  2. II: Frau Emilie Probierl arbeitet mit ihren Lernenden. Ordnen Sie folgenden Zielen eine Arbeitsform zu und begründen Sie:

    • Zum Abschluss des Lehrganges "Kohlenhydrate" sollen ihre Lernenden 6 Proben experimentell einteilen in Aldosen, Ketosen und Zuckeralkohole.

    • In einer einführenden UE zum Thema Salze möchte sie möglichst vielfältige Erscheinungsformen dieser Stoffklasse neben das bekannte Kochsalz stellen.

    • In einer UE zum Thema pH möchte Frau Probierl ihre Lernenden den Zusammenhang zwischen molarer Säurekonzentration und pH-Wert entdecken lassen. Dabei sollen unterschiedliche Volumina einer konzentrierten Salzsäure in jeweils 100ml Wasser gegeben und dann pH-Werte gemessen werden.

    • Die Lehrende möchte in 3-4 Wochen mit ihrer Klasse ein Projekt zum Thema "Gesunde Vitamine" durchführen.

Hinweise zur Lösung


E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de