Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 4.62-4.65


4.4.8 Kann es ein "Normalverfahren" geben?


Input

4.4.8.1 Diskussion

Sie haben mindestens 12 Jahre Erfahrung mit Unterricht und haben die "Methoden" Ihrer Lehrenden bewusst oder unbewusst beobachtet.

Aufgabe: zu lösen in zwei Schritten

  1. Gehen Sie in Gedanken Ihren erlebten Unterricht durch. Destillieren Sie aus Ihren Erfahrungen die häufigste "Methode" Ihrer Lehrer heraus.

  2. Überprüfen Sie, ob Sie "Phasen" dieser häufigsten "Methode" formulieren können.

Ansatz 1: Sowohl [2 S. 201-203] als auch [4 S. 250-252] drücken sich in Methodenfragen sehr "schwimmend" aus:

Zitat [2 S. 202] : ...das ... Verfahren wird als Normalverfahren, problemlösendes Verfahren, forschendes, entdeckendes, experimentelles, induktives Verfahren bezeichnet..."

Alles klar? Nein? Dann haben Sie recht. Solche Formulierungen sind alles andere als hilfreich. Und sie werfen ein vernichtendes Bild auf eine "klare Fachsprache".

Ansatz 2: Wir bezeichnen im Sinn der Aufgabe oben jenes als Normalverfahren, das man am häufigsten in der Praxis vorfindet. Nennen wir es mal fragend-entwickelnd. Über das Entwickeln ist im Kapitel Forschend mehr nachzulesen, das Fragen wird außer im Kapitel  Geschichte ("Katechisierer") nicht weiter thematisiert. Begründung:

  • Fragend-entwickelndes Vorgehen ist nach unserer Definition keine Unterrichtsmethode, höchstens ein Muster für unterrichtliches Vorgehen.

  • Man kann keine definierten Phasen angeben - ein Kennzeichen dafür, dass es auch nicht klar beschrieben werden kann.

  • Die Formulierung von Fragen wird massiv unterschätzt. Beim "Entwickeln" eines Unterrichtsproblems mit Hilfe von Fragen bewegt man sich auf einem schmalen Grat zwischen Suggestivfragen ("Welche Farbe hat die Lösung?") und der nicht direkt ausgesprochenen Aufforderung zum Raten.

Positiv-Beispiel als Kontrast: "Achtet ´mal auf den Inhalt der Waschflasche: welche Veränderungen sind im Verlauf der Gaseinleitung zu beobachten?" (Wenn es unbedingt eine Frage sein muss; Sie werden im Seminar "Planung" Alternativen zum massierten Fragen kennen lernen).

Zitat: "Der fragend-entwickelnde Unterricht ist auch in anderen Ländern zu finden, aber kaum als dominantes Unterrichtsmuster. Das Unterrichtsgespräch hat seinen festen Platz, aber es wechselt mit anderen Phasen ab, die Schüler zum selbständigen Nachdenken, aber auch zum Gespräch miteinander bringen und die Lehrkraft entlasten. In diesen Phasen gewinnt die Lehrkraft jenen Spielraum, der für eine gute Diagnostik, für die Sichtung alternativer Lösungen, die Entdeckung produktiver Fehler und besonders intelligenter Beiträge sowie die Vorbereitung eines Unterrichtsgesprächs, das von geordneten Schülerbeiträgen ausgeht, notwendig ist. Problematisch ist die Dominanz des fragend-entwickelnden Unterrichts als eines modalen Unterrichtsskripts."
Quelle: Baumert, J., Wo steht Deutschland im internationalen Bildungsvergleich? http://www.zeit.de/reden/Bildung_und_Kultur/baumert_bildung.html, 21.05.2002

Ergebnis: das fragende Muster ist nach Möglichkeit (als durchgängige "Methode") zu meiden.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass durch eine geschickte Fragenserie in der Manier von Sokrates ganz hervorragende Gedankenführung gelingt, allerdings hat das mit dem Spontanfragen unserer Zeit wenig zu tun. Es wäre eine seltene Variante aus der Gruppe der historischen UM.

Faulhammer befindet sich in der Situation, die Pestalozzi folgendermaßen beschreibt:

Zitat: "Gleich Habichten Eier aus dem Nest holen wollen, die noch gar nicht gelegt sind".
zitiert nach
[5].

4.4.8.2 Lehrervortrag

In der Diskussion, ob ein Lehrervortrag "seine Berechtigung hat" oder "als veraltet zu gelten hat" wird üblicherweise nicht nach (gegliederter) Unterrichtsmethode oder einer kurzen informierenden Phase im Unterricht unterschieden.

  • Als eine der Artikulationsstufen hat die vortragende Unterrichtsweise ihren Platz in mehreren UM und wird jeweils dort beschrieben, Beispiele:

    • historisch: Informationsphase,

    • forschend-entwickelnd: Problemstellung,

    • Selbst-organisiertes Lernen (SOL): Faszinationsphase.

  • Als durchgängiges Unterrichtsmuster in Manier einer Vorlesung sollte er ein seltenes Ereignis bleiben.

Wenn man als Lehrender nicht fragt, sondern am laufenden Band vorträgt, wird das ein Lehrervortrag. Es soll gute Lehrervorträge geben - sie sind allerdings genauso selten und schwierig wie ein gewinnbringendes Frage-Antwort-Spiel. Mehr dazu findet sich in Kapitel 5.2 bei der darbietenden Arbeitsform.

Der Einsatz der Lehrersprache für Unterricht ist Gegenstand der Übung "Medien" im 3. Semester, die Gestaltung eines guten Kurzvortrages (15-25 Minuten) ist Aufgabe und Ziel in den drei "Übungen im Vortragen" des 5-6. Semesters.


Zur eigenen Kontrolle:

  1. II: Formulieren Sie die Fragen aus Bsp. 2 so um, dass Lehrender Faulhammer seine Absichten mit größerer Wahrscheinlichkeit erreicht.

  2. III: Stellen Sie 1-2 Regeln auf, die "gute, verständliche" Fragen beschreiben.

  3. II: Begründen Sie, warum es unsinnig ist, eine Unterrichtsmethode "Normalverfahren" zu nennen.

  4. III: Spielen Sie in einer Gruppe ab 3 Studierenden folgendes Spiel: reihum ist jeder mal der Lehrende. Jener stellt eine Frage zu einem beliebigen, selbst gewählten Thema (es muss nicht Chemie sein). Wenn eines der anderen Gruppenmitglieder eine sinnvolle Einwort-Antwort geben kann, gibt es 0 (Null) Punkte und der Nächste ist dran. Ist dies nicht möglich, erhält der Lehrende 1 Punkt. Gewonnen hat, wer die meisten Punkte gesammelt hat.

  5. III: Formulieren Sie die folgenden missverständlichen Fragen (lauter Zitate aus der Praxis) so um, dass Lernende sie eher korrekt in 1-2 Sätzen beantworten werden bzw. können und begründen Sie ihre Maßnahmen:
    -Was glaubt ihr was bei dem Versuch passiert?
    -Ich zeige euch einen Versuch. Schaut her.
    -Ist diese Lösung rot?
    -(Ein Lernender wird an der Tafel abgefragt) Erzähl mal, was wir letzte Stunde gemacht haben.

Hinweise zur Lösung


    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de