Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, 4.54-4.61


4.4.7 Selbst organisiertes Lernen (SOL) als UM

SOL ist eigentlich ein ganz anderes Verständnis von Unterricht, wäre also auf Konzeptions-Ebene anzusiedeln. Gelegentlicher Einsatz ergibt eigentlich nicht viel Sinn. Reizt es Sie dennoch, in unserem Schulsystem gelegentlich eine "methodische Exkursionen" in diese andere Unterrichts-Welt (die unten beschrieben wird) zu unternehmen - dann bieten wir Ihnen SOL als Unterrichtsmethode an.


Input

4.4.7.1 Der andere Ansatz

Wiederholung aus der Einführung.

In der Regel kennen Sie als Studierende aus Ihrer Schulzeit den instruktivistischen Unterricht. Er ist gekennzeichnet durch die Haltungen:

  • Es gibt eine objektive Welt, die jeder in gleicher Weise wahrnehmen kann.

  • "Der Lehrer" ist eine Person mit Erfahrungsvorsprung in der objektiven Welt und gibt diese Erfahrungen an "den Schüler" weiter. (Es gibt also einen Lehrertypus und einen Schülertypus).

  • Lehrer haben "Lernziele", die beschreiben, was "der Schüler" lernen soll.

  • Schüler erfahren (passiv) von Lehrern, wie die Welt ist und wie man sie wahrnehmen muss.

  • Der Lernprozess geschieht pauschal für eine größere Gruppe (Klasse) und wird gerne als "auswendig lernen" interpretiert.

  • Den Erfolg des Lernprozesses halten Lehrer für kontrollierbar ("Lernzielkontrollen").

  • Erlernt wird in der Regel nur Wissen, das flüchtig und träge ist. Anwenden steht nicht im Vordergrund.


Abb. 1: Das didaktische Dreieck aus instruktivistischer Sicht.

Konstruktivistischer Unterricht ist gekennzeichnet durch die Haltungen:

  • Es gibt keine objektive Welt; jedes Gehirn konstruiert sich seine subjektive Welt auf Grund von individuellen Erfahrungen selbst.

  • Lernbegleiter helfen Lernpartnern, nötige Erfahrungen zu machen, indem sie Materialien zur Verfügung stellen.

  • Lernpartner nutzen die durch Lernbegleiter angebotenen Erfahrungsmöglichkeiten aktiv, um sich ihre Welt ein Stück weiter zu "konstruieren". Sie haben Lernziele = den Wunsch, sich für sie neue Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.

  • Der Lernprozess selber wird als Konstruktion von Erklärungen für Sinneseindrücke verstanden. Er kann durch Lernbegleiter nicht beeinflusst werden.

  • Der Lernprozess ist ein hoch individuelles Entdecken, sein Erfolg ist grundsätzlich nicht kontrollierbar.

  • Erlernt werden neben Wissen hauptsächlich Strategien (zum Wissenserwerb, Anwendung, Problemlösen), somit ist der Lernerfolg persistent und nutzbar.


Abb. 2: Das didaktische Dreieck aus konstruktivistischer Sicht.

Bei der Beschreibung der beiden Sichtweisen sind die beiden Extreme beschrieben worden:


Abb. 3: Zwei Extremere, allerdings mit stufenlosem Übergang. Selber wird man sich irgendwo dazwischen finden.

Heute ist ein Sichtwechsel notwendig. Das ergibt sich aus den Anforderungen der Gesellschaft, die zunehmend Selbständigkeit, Teamfähigkeit und lebenslanges Lernen einfordert. Für Letzteres ist die Aufrechterhaltung von Lernfreude eine Voraussetzung. Gerade da aber versagt die instruktivistische Verfahrensweise. Zusätzlich könnten mit konstruktivistischem Vorgehen folgende Teilkompetenzen erreicht werden:

  • technische: die Fähigkeit, durch Lernbegleiter bereit gestellte Materialien für den eigenen Lernprozess auszuwählen und zu nutzen (selbstgesteuertes Lernen), z.B. Experimentierkisten, Software, Literatur im Klassenzimmer oder Lernatelier gezielt zu nutzen.
  • psychologische: die Fähigkeit, für das eigene Lernen (auch planerische) Verantwortung zu übernehmen, z.B. einen Wochenplan aufzustellen.
  • politische: die Fähigkeit, das eigene Lernen zu kontrollieren, z.B. aus Selbstkontrollen Rückschlüsse auf den eigenen Erfolg zu ziehen und ggf. wissen, wo und in welcher Form Hilfen einzufordern sind.

Instruktion und Konstruktion schließen einander aber nicht aus. Es ist für Lehrende unabdingbar, beide Herangehensweisen mit ihren Stärken und Schwächen zu kennen, um sich selber positionieren und zu Methodenwechsel fähig zu sein.


Abb. 4: Das didaktische Dreieck aus pragmatisch-konstruktivistischer Sicht.

Aufgabe: Arbeiten Sie aus den Darstellungselementen von Abb. 2 und 4 die Unterschiede der Auffassungen heraus.

Selbstlernbereich

4.4.7.2 Methodisches Vorgehen bei einer praktikablen Variante

In der Literatur gibt es eine sehr uneinheitliche Darstellung und begriffliche Fassung konstruktivistischer Lehr- und Lernmethoden: autonomes Lernen, selbstgesteuertes Lernen (SegeL), Lernen durch Lehren, Lernlabor, Lernumgebung, Lernatelier...

Vorläufig verwenden wir den Begriff selbstorganisiertes Lernen aus der Überlegung heraus, dass

  • Lernbegleiter

    • eher eine steuernde Funktion ausüben,

    • im Wesentlichen Ziele noch vorgeben,

    • keinesfalls überflüssig sind,

  • Lernpartner aber selbständig bestimmen

    • was sie (Inhalt)

    • wann (Zeit)

    • mit wem (Sozialform)

    • wo (Lernort) und

    • in welcher Art und Weise (Methode) lernen.


Abb. 5: Generieren einer einsetzbaren UM.

4.4.7.3 Arbeitsweise

Aus dem Instruktionalismus stammt die durchaus lehrenden-zentrierte Phase des Input: sie begeistern und stellen Materialien vor, sind Vorbereiter und haben klare Lehrziele. Das war es aber auch mit den Gemeinsamkeiten zum Instruktivismus, der Rest der Phasen ist konstruktivistisch geprägt.

Danach werden Lernende in das Lernlabor entlassen: sie machen dort selbst organisiert und selbständig Erfahrungen mit dem Material, haben eigene Lernziele.

Wenn sie ihre Arbeit so weit beendet haben, folgt eine Festigungs-Phase, in der sich Lehrende und Lernende in unterschiedlicher Form um Kontrollen und Selbstkontrollen bemühen.

Lehrprozess und Lernprozess werden unterschieden. Der Lehrprozess wird als das individuell abgestimmte Auslösen kognitiver Prozesse verstanden, der Lernprozess als forschend-entdeckende Bemühung anhand von ausgewählten Materialien. Lernende und Lehrende haben gemeinsame Verantwortung. Man verspricht sich, dass vielfache Kompetenzen hoher Stufe erworben werden, wie z.B. Schlussfolgerungen ziehen und Selbständigkeit.

4.4.7.4 Strukturierung

Auch offenere UM lassen sich in erster Näherung mit Hilfe von Stufen beschreiben:


Abb. 6: Stufung im SOL als Unterrichtsmethode.

In Abb. 6 erkennen Sie, wie man vom "Primitivmuster" einer methodischen Planung zum konstruktivistischen Muster gelangen kann. Gleichzeitig findet sich eine Erwiderung für wenig flexible Lehrende, die den Befürwortern vor halten, "ein guter Lehrervortrag sei ja gar nicht so schlecht". Richtig. Machen Sie einen guten Input daraus und lassen Sie dann die Lernenden "laufen".

Die Rollen der "neuen" Artikulationsstufen sind:

  1. Input z.B.
    • Feedback geben: Erfolgskontrolle für vorausgegangene Lernziele (!) von Lernenden im Gespräch mit Lehrenden, einschließlich Selbstreflexion (gehört inhaltlich eigentlich zur vorausgegangenen Lerneinheit, wird aber in der Praxis zeitlich gerne vor der neuen Einheit durchgeführt, sofern diese in inhaltlichem Zusammenhang steht);
    • neue mögliche Lernziele bekannt machen;
    • als Faszinationsphase dienen: Lehrende motivieren durch Beschreibung ihrer eigenen Faszination für das neue Thema;
    • als Anregungsphase: Lehrende zeigen mehrere Möglichkeiten auf, wie Lernziele zu erreichen wären;
    • als Planungsphase: Lernende planen ihren Lernweg (Zeitbedarf, Sozialform, Lernmethode...)
  2. Arbeit in Lernlabor (syn. Lernatelier/~werkstatt); Lernende beschreiten den Lernweg mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Materialien selbständig. Das Lernlabor ist mit schriftlichem und praktischem Material ausgestattet und kann im Fach Chemie
    • der Fachraum,
    • ein Klassenzimmer in Kombination mit dem Fachraum oder
    • eine Bibliothek, ein bequem eingerichteter Materialienraum in Kombination mit dem Fachraum sein.
  3. Festigung: Lernende untersuchen zur Selbstkontrolle, ob und inwieweit sie ihre Lernziele erreicht haben. Dafür stehen mehrere Techniken zur Verfügung, z.B. Kontrollaufgaben des Lehrenden aus unterschiedlichen Anforderungsbereichen, Selbsteinschätzungs-Bögen oder durch Lernen durch Lehren (LdL). Über Wochengespräche erhalten auch Lehrende Feedback, wie schwer oder leicht es Lernenden gefallen ist, ihre Ziele zu erreichen.

Abb. 7 bietet eine Zusammenstellung der Freiheitsgrade, aufsteigend nach oben:


Abb. 7: Freiheitsgrade bei unterschiedlichen methodischen Maßnahmen und Unterrichtsmethoden

4.4.7.5 Kritik

Der bedeutendste Vorteil ist, dass mit SOL (und ähnlichen pädagogischen Maßnahmen) die Zufriedenheit von Lernenden signifikant erhöht wird. Schulen, die nach diesem Muster unterrichten, berichten einhellig von "Lernlust", die die meisten Disziplinprobleme gar nicht entstehen lässt. Warum? Weil sich Lernende in ihren individuellen Bedürfnissen ernst genommen fühlen, mit ihren Stärken UND Schwächen.

Material: SBW Haus des Lernens (Schweiz), ESBZ (Evangelische Schule Berlin Zentrum), Neue Schule Wolfsburg, Bodensee-Schule St. Martin (Baden-Württemberg), Lernhaus-Konzept (Stadt München).

Dazu ist die UM maximal lernenden-zentriert und sehr lern-effektiv, d.h. Lernende erfahren bald, dass sich die Mühen auch lohnen, dass Erlerntes wieder abrufbereit ist, wenn es gebraucht wird. Zudem erweist sich ein Vorgehen, in dem SOL als die Regel-UM verwendet wird, als sehr flexibel gegenüber Kindern mit Schulwechsel, Behinderung und Migration.

Nachteile. Berichtet wird, dass manche Lernende sehr unsicher sind, ob das, was sie gelernt haben, den Anforderungen in einer Prüfung entspricht. Manche geben an, sie wüssten oft nicht, was sie tun sollen. Beide Effekte sind entweder auf Fehler von Lehrenden oder auf mangelnde Beherrschung der Arbeitsweise durch Lernende zurück zu führen, nicht auf das Prinzip selbst, sie sollten deshalb eher als Gefahren betrachtet werden. Sicher ist die Handhabung der Methode nicht einfach. Meistens fehlt es an gründlichen Fortbildungsangeboten oder der Teilnahme daran.

Manche Gefahren können sich allerdings zu Nachteilen auswachsen, wenn sie nicht erkannt werden und wenn nicht gegengesteuert wird. Die Führung eines solchen Unterrichts ist ziemlich anspruchsvoll, Funktionen des Lehrenden werden durch diese gerne missverstanden. SOL funktioniert nicht ohne Lehrende und auch nicht, wenn diese zwar im Raum sind, aber sich nicht betreuend um Lernende kümmern. Auch begeben sich Anfänger der Methode gerne in eine übermäßig kontrollierende Rolle: machen Lernende auch etwas? machen sie das Richtige? machen sie Unfug? ... Auch sind die Grundbedingungen im momentanen bayerischen Schulsystem (RS, Gym) alles andere als förderlich für konstruktivistisches Arbeiten. Kontraproduktiv sind:

  • 45-Minuten-Taktung; besser: Rhythmisierung.

  • Gleichschaltung von bis zu 32 Lernenden in Klassen; besser: jede Form, die mehr Individualisierung ermöglicht.

  • Halbtags-Betrieb; besser: Ganztag.

  • Steuer-Material fehlt; besser: einführen von Kompetenzrastern und Lerntagebüchern.

  • Unterrichtsmaterial wird von Lehrern geliefert; besser: Material liegt in zugänglicher Form vor.


Zur eigenen Kontrolle:

  1. II: Arbeiten Sie heraus, inwieweit instruktivistischer und konstruktivistischer Unterricht sich unterscheiden.

  2. III: Skizzieren Sie Unterrichtseinheit 2 von 3 zum Thema "Neutralisation" mit dem Ziel, eine Neutralisations-Titration durchzuführen.

  3. II: Fertigen Sie eine Liste Ihrer bisher bekannten Unterrichtsmethoden, die die instruktivistische bzw. konstruktivistische Denkweise unterstützen.

  4. II: Entscheiden Sie, ob Sie bei den nachfolgenden Lehrplan-Themen eher konstruktiv oder eher instruktiv vorgehen würden:
    • Lernbereich "Stoffe und Materialien", bestehend aus Stoffeigenschaften (z. B. Farbe, Löseverhalten, Dichte), Mischen und Trennen von Stoffen, Stoffumwandlung (Jgst. 5)
    • Lernbereich "saure und basische Lösungen", Teilbereich Indikatoren (Jgst. 9)
    • Thema "Orbital als Aufenthaltsraum der Elektronen" (Jgst. 9)
    • Thema "Synthese von Polymeren", Teil radikalische Polymerisation (Jgst. 11).

Hinweise zur Lösung


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    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de