Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 4.32-4.36


Input

4.4.03 Möglichkeiten der Beschreibung

Spätestens nach Kenntnis von zwei UM in je zwei Varianten sollte die Frage nach einem Beschreibungssystem relevant werden. Hier ist es:

4.4.3.1 Inhaltlich

Das Beschreiben von Unterrichtsmethodik kann auf allen drei methodischen Ebenen, die Ihnen bekannt sind, wirksam werden, was insgesamt die inhaltliche Dimension darstellt:

  1. Auf Ebene der makromethodischen Maßnahmen; Ergebnis ist ein Curriculum für ein Fach oder einen Jahrgang bzw. ein thematischer Lehrgang; diese Zusammenhänge sind Ihnen aus Kapitel 3 bekannt.
  2. Auf Ebene der Unterrichtsmethoden; Ergebnis ist eine Unterrichtseinheit; diese Zusammenhänge werden in diesem Kapitel 4 näher erläutert.
  3. Auf Ebene der mikromethodischen Maßnahmen, speziell der Methoden-Bausteine; Ergebnis ist eine Artikulationsstufe oder ein Teil davon. Genaueres hierzu in den folgenden Kapiteln.

Siehe auch: Lernbrücke.

4.4.3.2 Zeitlich

Gleichzeitig ist die Beschreibung nach zeitlicher Dimension manchmal hilfreich und vor allem in der Praxis (leider zu) geläufig:

  1. Der Zeitbereich Wochen bis Jahre umfasst die makromethodischen Maßnahmen, das Curriculum bzw. den thematischen Lehrgang.
  2. Der Zeitbereich von in der Regel mehreren Minuten bis (selten) mehrere Unterrichtsstunden umfasst den inhaltlichen Bereich der Unterrichtsmethoden, also Unterrichtseinheiten.
  3. Zeitbereich von wenigen Minuten umfasst mikromethodischen Maßnahmen, speziell die Methoden-Bausteine, als Artikulationsstufe oder einen Teil davon.


Abb. 1: Gliederung unterrichtlicher Bemühungen nach Zeit und nach Inhalt. Gebräuchliche Begriffe sind in Rot dargestellt. Beachten Sie, dass diese aus unterschiedlichen Beschreibungsdimensionen (!) stammen.

Hinweise am Rande: Die Namengebung in der Literatur (mit Doppelbezeichnungen) suggeriert auf den ersten Blick eine Systematik, etwa der Art "erst-das-Metall-dann-das-Nichtmetall" in der Salzformel. Dem ist aus den folgenden Gründen nicht so, weshalb sie im Weiteren nicht verwendet wird:

  • während beim "forschend-entwickelnden Verfahren" der erste Teil die Vorgehensweise von Lernenden (das Forschen), der zweite die Aufgabe des Lehrenden (das Entwickeln) beschreibt,
  • findet man beim "ganzheitlich-analytischen Verfahren" erst den Ausgangspunkt (die ganzheitliche Betrachtung), dann die weiteren Bemühungen (die Analyse des Problems).

Auch die Bezeichnungen "Verfahren", "Konzeption", "Möglichkeiten", "...orientiert" zeigen, dass hier begriffliche Unsicherheiten bestehen. Es gibt keine durchgehende Systematik bei den Bezeichnungen.

4.4.3.3 Methodisch

Eine dritte Beschreibungsart bezieht sich auf die Methodik selber. Es gibt nämlich nicht nur die Zahl von Unterrichtsmethoden (UM), die in den gängigen Lehrbüchern beschrieben werden; diese Beschreibungen sind stets exemplarisch gemeint.

  • alltagsorientiert
  • entwickelnd
  • entdeckend
  • forschend
  • genetisch
  • handlungsorientiert
  • historisch
  • lernzielorientiert
  • problemorientiert
  • projektorientiert
  • spielorientiert
  • strukturorientiert
  • verfahrensorientiert
  • wissenschaftstheoretisch

Abb. 5: Alphabetische Liste von methodischen Färbungen aus der Literatur, z.B. [2, 4, 26]

Sie können Unterrichtsverfahren z.B. wie folgt formulieren:

  1. Nach der entwickelnden Unterrichtsmethode (Kapitel 4.4.1).
  2. Nach der forschend-entwickelnden Unterrichtsmethode; dies kennen Sie als eine Kombination aus der forschenden und der entwickelnden Methode (Kapitel 4.4.1).
  3. Nach der historisch-forschend-entdeckenden Methode; dies kennen Sie nicht, sieht nicht nur schwierig aus, ist es auch: eine Kombination von drei methodischen Färbungen. Wir verwenden sowas nicht

Für die Ausbildung in Phase I (Universität) genügen Beschreibungen nach 1. und 2.: Beherrschung der einfach gefärbten Unterrichtsmethoden, Kenntnis der Doppelnamen, sofern sie in den Lehrbüchern nur so vorkommen.

4.4.3.4 Strukturell: Artikulationsstufen

Jede Unterrichtsmethode verläuft (nach Herbart) in Stufen (Artikulationsstufen), die für eine bestimmte UM charakteristisch sind, z.B.

Herbart 1806 [37]
immer anwenden
Niessen 1909 [36]
immer anwenden
Schmidkunz 2002 [2]
forschend-entwickelnd
Analyse Vorbereitung Problemfindung
Synthese Darbietung Lösungsvorschläge
Assoziation Verknüpfung Lösung
System Zusammenfassung Abstraktion
Methode Anwendung Sicherung

Artikulationsstufen sind Ergebnis der Aufgliederung einer Unterrichtseinheit in eine sinnvolle Folge von Schritten (syn. Stufen, (Denk-)Phasen), die zusammen ein Sinnganzes bilden [37].

Je nach Unterrichtsmethode werden die Stufen unterschiedlich stark ausgeprägt, weiter untergliedert oder unterschiedlich umfangreich ausgeformt sein. Die Bezeichnungen und Beschreibungen der Stufung finden sich bei den Beschreibungen der Unterrichtsmethoden im Verlauf von 4.4.

4.4.3.5 Nach vorherrschender Arbeitsform

Auch wenn die Arbeitsformen erst später beschrieben werden: Sie kennen das didaktische Dreieck aus der Einführung. Dabei sind zwei der Ecken mit Personen besetzt: Lernende und Lehrende.

Die Situation, dass Lehrende den Unterricht ausschließlich bestimmen, kennen Sie aus der Erfahrung. In diesem Fall werden geschlossene Unterrichtsmethoden angewendet.

Geschlossene Unterrichtsmethoden sind solche, bei denen im Wesentlichen Lehrende eine aktive Rolle spielen. Sie geben nicht nur Inhalte und Ziele, sondern auch Lernweg, Zeit usw. vor. Abweichungen von dem durch Lehrende zu Hause geplanten "Lernweg" sind nicht vorgesehen.

Solche Unterrichtsmethoden werden von Lehrenden dann bevorzugt, wenn sie sicher sein wollen, kein Grundwissen zu übersehen. Sie sind in der Regel fachlich oder strukturell durchaus klar gegliedert, zwingen aber Lernende in eine unselbständige, passive Position bis hin zur Gängelung durch Lehrende. Die Gängelung geschieht auch noch im Gleichtakt: alle Lernenden einer Klasse müssen mit der Darbietungsgeschwindigkeit mithalten. Inhalte müssen genommen werden wie dargeboten, im Vertrauen darauf, dass man sie irgendwann brauchen wird (Lernen auf Vorrat).

Dass Lernenden unterschiedlich viele Freiheitsgrade zugestanden werden können, erfahren Sie nun ;)

Bei offenen Unterrichtsmethoden räumen Lehrende folgende Freiheitsgrade ein:
  • Inhalt (was will ich, ein Lernender, lernen?),
  • Unterrichtsmethode (wie will ich es lernen?),
  • Sozialform (mit wem will ich lernen?),
  • Zeit (wann und wie lange will ich lernen?),
  • Ort (wo will ich lernen?),
  • Arbeitsform (inwieweit benötige ich Unterstützung durch Lehrende ?).

In der Praxis werden Sie offenen Unterricht (Sie erinnern sich an den ersten Präsenztermin und die Berichte Ihrer Kommilitonen aus deren Schulzeit) nie, und teilweise geöffneten Unterricht sehr selten finden. Wir sprechen in diesem Sinn dann von "offenerem" Unterricht.

Das Öffnen von Unterricht war eine Antwort auf die Kritikpunkte der geschlossenen Formen: Lernenden sollte ein individuelles Lerntempo ermöglicht (wann? wie lange? mit wem?) und dadurch deutlich mehr Selbständigkeit eingeräumt werden (soziales Lernen). Aus den Erfahrungen mancher Schulformen, die vorwiegend offenere Methoden einsetzen (integrierte Gesamtschulen IGS, Privatschulen, Gemeinschaftsschulen) lernte man, dass allerdings eher leistungsfähigere Lernende von der Offenheit profitieren, schwächere benötigen mehr Unterstützung durch Lehrende. ("Wer mehr weiß entwickelt mehr Ideen, wie man Probleme lösen kann"). Zudem erscheinen nicht alle Themen eines Faches für geöffnete Methoden geeignet.

Zwischen komplett geschlossenen und maximal offenen Unterrichtsmethoden sind alle Abstufungen denkbar: von keinen, über einen, mehrere bis zu allen Freiheitsgraden.

Aufgabe: Skizzieren Sie eine Achse mit der Beschriftung ganz links "geschlossen" und ganz rechts "offen". Positionieren Sie dazwischen von links nach rechts diejenigen Freiheitsgrade, die als Lehrender einzuräumen Ihnen zunehmend schwer fallen würden.


Was halten Sie von dem Spruch:

"Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel."
Paul Watzlawik


Zur eigenen Kontrolle:

  1. II: Diskutieren Sie einen Zusammenhang zwischen obigem Spruch und Unterrichtsmethoden.
  2. I: Arbeiten Sie Vor- und Nachteile von geschlossenen Unterrichtsmethoden heraus.
  3. I: Arbeiten Sie Vor- und Nachteile von offenen Unterrichtsmethoden heraus.
  4. I: Nennen Sie Beschreibungsmerkmale für Unterrichtsmethoden.
  5. II: Hierarchisieren Sie die in dieser Einheit kennen gelernten Begriffe aus dem methodischen Bereich.
  6. Lehrende Nette Müller hält eine Unterrichtseinheit zum Thema "Trennung von Stoffgemischen". Dabei wählt sie als Einstieg das Problem, dass beim Zusammenkehren von Metallspänen auf Baustellen Sand-Metall-Gemische anfallen. Lernende sollen Lösungsvorschläge angeben, wie man reines Metall dem Altmetall-Händler zuführen könnte. Anschließend möchte sie verschiedene Trennmethoden in Form eines Lehrervortrages erläutern, der mit dazu passenden Bildern gestützt wird. Die Ergebnisse werden in Form einer tabellarischen Tafelanschrift festgehalten.
    a. I: Entscheiden Sie, ob es sich bei der UE um eine offene oder geschlossene Form handelt.
    b. II: Erläutern Sie 2-3 Maßnahmen, wie Frau Müller ihren Lernenden mehr Freiheitsgrade einräumen könnte.
    c. II: Begründen Sie, inwieweit unterschiedliche Gruppen von Lernenden von den Maßnahmen aus b profitieren könnten.
  7. II: Begründen Sie kurz, warum es sich bei den folgenden Begriffen NICHT um Unterrichtsmethoden handelt und ordnen Sie sie der richtigen Kategorie zu:
    Gruppenarbeit, Partnerarbeit, zusammenwirkend, aufgebend, lehrerzentriert, schülerzentriert, fachsystematisch, ganzheitlich, fächerübergreifend, fachübergreifend, Frontalunterricht, Lernarrangement.

Hinweise zur Lösung


Download der Abbildungen als PowerPoint - Präsentation

    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de