Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 4.03- 4.09


4.2 Geschichte...

...ist uninteressant. Dieser Meinung sind die meisten jungen Menschen (ich war es auch, sowohl jung als auch der Meinung ;) ). Auch Sie werden die Erfahrung gemacht haben, dass der eine oder andere Ihrer Lehrer Jahreszahlen aufgezählt hat und Sie diese dann in der nächsten "Stunde" korrekt wiedergeben mussten.

Lesen Sie trotzdem weiter, denn

  • die Auseinandersetzung um die "richtige Methode" ist so alt wie Unterricht selber;

  • es wird das einzige Mal in dieser Veranstaltung sein, dass der historische Weg (exemplarisch) beschritten wird (sonst kommt er immer dann vor, wenn dem Dozenten nichts eingefallen ist ;) ) und

  • gönnen Sie sich den Spaß herauszufinden, aus welchem Jahrhundert die Methode Ihres Lehrers/Dozenten stammt.


Hintergrund

4.2.1 Die Zeit vor dem großen HERBART (bis 1800)

Institutionalisiertes Lehren begann mit dem unverstandenen Memorieren: Textpassagen oder Vokabeln wurden so oft wiederholt, bis Lernende sie wiedergeben konnten. So wird heute noch in vielen Glaubensschulen des Islam und des Buddhismus gelehrt.


Abb. 1: Buddhistische Mönch-Schüler
Quelle: http://www.theosthinktank.co.uk/files/news/rw/thailand-453382_640_620.jpg, 13.10.2015

So gesehen IST das eine Methode.

Der nächste Schritt wurde in den Katechismus-Schulen des 18. Jh. getan: in sokratischer Art versuchte man, den Verstand, nicht nur das Gedächtnis, anzusprechen, indem man Schüler fragend-entwickelnd führte.


Abb. 2: Die Katechisierer

Zitat 1: „Das Fragebuch lag hier einzig und allein zugrunde: über dessen Auffassung, Form, Veranlassung uns gar nichts gesagt wurde.
Wir wußten nicht, wer fragt und wer antwortet. Von den ... Lehrsätzen (=fachliche Inhalte), auf welchen die Antworten ruhen, sagte man uns gar nichts. Die Hauptsache war die, daß der Lehrer fragen konnte ... mit Fragen nie stockte. Ob auf die Frage eine vernünftige Antwort folgen könne, ob auf die letzte Antwort die nächste Frage passe, und ob jede zum Ziel führe, darauf kam es wieder nicht an.
Man fragte so, daß man ja oder nein bestimmt erwarten konnte... So wußte mancher nicht, ob die erhaltene Antwort die rechte sei. Die Erklärung der Wörter und Begriffe bestand nur darin, daß man die Hauptwörter mit den Zeitwörtern umschrieb... z. B.:
Was ist Trost? Wenn man einen tröstet...
Was ist Leben? Wenn einer lebt, wenn einer hier auf der Welt ist und lebt...“
 
Quelle: J. Gotthelf, nach Glöckel, [1, S. 102].

Ja, man braucht Methode.


4.2.2 HERBART und seine Nachfolger (1800 - 1900)

Herbart wollte aus der Situation heraus, dass man unreflektiert im Unterricht irgendetwas irgendwie irgendwann machte. Noch besser, er bemühte sich einen Weg zu finden, Junglehrern mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten beizubringen, wie erfolgreicher Unterricht zu gestalten sei.

Merke: Reflektiertes Lehren schärft den Sinn für klare Gliederung dessen, was man tut.

In Schritten arbeitete er die Artikulation von Unterricht heraus, d.h. eine Gliederung, eine Folge von sinnvoll aufeinander aufbauenden Stufen.

Stufe Ziel
Analyse = Vorbereiten Man aktiviert vorhandene Vorstellungen und sucht Anknüpfungspunkte für das Neue.
Synthese = Darbieten Im Gespräch mit dem Lehrer tragen Schüler neue Inhalte zusammen.
Assoziation = Verknüpfen Das Neue wird mit dem Bekannten verglichen.
System = Zusammenfassen Begriffliche Fixierung.
Methode = Anwenden Wendet das Gelernte auf weitere Fälle an.

Tab. 1: Unterrichtsstufen nach Herbart, Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet, Göttingen 1806.

In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurden Volksschullehrer nach diesen Formalstufen ausgebildet. Dies führte wegen Übertreibung zu übergründlichen, quälend-langweiligen Gedankenführungen. Schüler waren logischerweise nicht wirklich am Unterricht beteiligt, reagierten nur. Abgesehen davon war der sogenannte Gesinnungsunterricht dominierend: nur moralische Aspekte waren für den Unterricht interessant (Erinnerung: Schulunterricht hat seine Wurzeln ja im Bibelunterricht der Kirchen).

Material: Johann Friedrich Herbart in Wikipedia. 13.10.2015. Herbart hat erstmalig alles zusammengefasst, was man zu der Zeit über methodisches Unterrichten wusste. Darum wird oft auch heute noch auf ihn verwiesen. Wir werden seine Stufung von Unterricht später in moderner Prägung wieder aufnehmen.

Ja, man braucht eine gegliederte Methode.


4.2.3 Die Schulreformbewegung (1900 - 1945)

Drei Begriffe sind aus dieser Zeit erwähnenswert:

Die Erlebnispädagogik wollte keine Methodik haben. Man vertraute auf die eigene Erzählkunst (auch wenn nicht vorhanden) und auf eine gewisse ganzheitliche Darstellung unterrichtlicher Inhalte. Dabei fehlen naturwissenschaftliche Methoden vollkommen.

Zitat 2: Eine Rose duldet nicht, dass man Staubblätter zählt! Albert, nach [1]

Nein, man braucht keine Methode.

Die Arbeitsschule bringt das Element der Selbsttätigkeit in den Unterricht ein. Namen von Vertretern besitzen auch heute noch Bekanntheitsgrad: Gaudig (Sachsen), Kerschensteiner (BY), Freinet (F), Dewey (USA).

GAUDIG geht von der Arbeit mit dem echten Gegenstand (Blüte, Gestein, Holz...) aus, besonders wichtig für den naturwissenschaftlichen Unterricht. "Richtiges Fragen", Arbeitstechniken und die durch Lehrer geleitete eigene Auseinandersetzung von Schülern mit dem Gegenstand sind neue Ziele des Unterrichts. KERSCHENSTEINER möchte die Beschäftigung auf jeden Fall durch ein Werk, ein Endprodukt, vollendet wissen. DEWEY schließlich macht daraus ein weitreichendes Projekt, das oft die Fächergrenzen sprengt und eher an Forschungsprojekte erinnert. Schüler untersuchen weitgehend selbständig eine Thematik, der Lehrer hat Funktionen im Hintergrund.

Doch, man braucht Methode.

MONTESSORI und OTTO drängen den Lehrer in seiner Rolle noch weiter in den Hintergrund: im Rahmen des Freien Gesamtunterrichts sollen Lehrer Materialien bereit stellen, für die nötige Ruhe sorgen und Anleitungen zur Handhabung von Geräten geben. Schüler bestimmen selbst, womit sie sich wie lange auseinandersetzen wollen. Jeder Lernvorgang ist spontan und individuell.

Oder doch nicht.


4.2.4 Didaktik nach 1945

In zunehmendem Maß werden didaktische Theorien von den psychologischen Lerntheorien bestimmt:

  • einsichtiges Lernen betont die Phase der Problemfindung: erst eine klare Konturierung des Problems schafft die nötige Spannung, um eine mühsame Lösungs-Phase durchzuhalten.
  • Das Konditionieren Skinners ist eine Variante des assoziativen Lernens. Die Facetten des Lernprozesses werden reduziert auf messbaren Input und Output (Reiz-Reaktionslernen). Höhepunkt waren lineare Lernprogramme, die den Anspruch hatten, in kleinsten Schritten jedem alles beizubringen.
  • Piaget schließlich verknüpft unterschiedliche Formen des Lernens mit Entwicklungsstufen des Kindes (Schulalter: anschauliche, konkrete, formale Operationen).

Man braucht gegliederte Methoden.


4.2.5 Die "Lernziel"-Welle

Die Bedeutung von "Lernzielen" war unumstritten, sowohl für

  • die Zielklarheit für den Lehrer,
  • die Zielgemäßheit der Einzelmaßnahmen als auch für
  • die Zielangabe, d.h. dass Schülern die Lehrziele ("Lernziele") bekannt gemacht werden und dass sie sogar an ihrer Aufstellung mitwirken sollten.

In konsequenter Weise wurde dann auch die (vorausgegangene) Lehrplangeneration der 80er Jahre (gemacht in den 70er Jahren) "lernzielorientiert" angelegt.


Abb. 3: Beispiel aus einem curricularen LP
Quelle: aus dem LP 1972 Jgst. 12 Gymnasium, Bayern

Man hat sich zielmäßig richtig ausgetobt: Ziele waren eingeteilt nach ihrem Allgemeinheitsgrad in Richtziele, Grobziele, Feinziele und was weiß ich noch für Ziele. Dann nach der Art: Wissen, Können, Erkennen, Werten, und schließlich noch nach Anforderungsstufen, wie z.B. Einblick, Überblick, Kenntnis, Vertrautheit... (es folgen noch 6 Begriffe, die heute keine Rolle mehr spielen (sollten)).

Dermaßen durchgegliederte Ziele bezeichnete man als operationalisierte Lernziele. Dumm nur, dass es von Haus aus keine Lernziele sein können. Lernziele können nur Schüler haben, Lehrer können Lehrziele formulieren. Manche Lehrer argumentieren auf dieser Stufe: Lernziele enthalten das, was Schüler lernen sollen. Wollten Sie eigentlich sollen?

Immerhin hat die "Lernziel"-Welle den Blick der Lehrenden für klare Planung des Unterrichts geschärft: didaktisches Handeln wird differenzierter und präziser. Ergebnis kann eine "Check-List" für die eigene Unterrichtsvorbereitung sein:

  1. Welche Anforderungsstufe strebe ich an? Kenntnis von, Einsicht in, Fertigkeit, Einstellung zu...?

  2.  Welches Anforderungsniveau strebe ich an? Reproduktion, Reorganisation, Transfer oder problemlösendes Denken?

  3.  Mit welchem Intensitätsgrad sollen Schüler das Gelernte beherrschen? Ersteindruck, Überblick, vertieftes Verständnis, sichere Beherrschung?

Als notwendige Konsequenz schält sich aus der Systematisierungswut die "neue" Erkenntnis heraus: es gibt unterschiedliche Lehrziele und jede Lehrzielart erfordert ihre eigene Unterrichtsmethode.

Zitat 3: Es gibt nicht die eine, es gibt aber auch nicht jede beliebige, es gibt die jeweils angemessene Methode, und man muss viel wissen, um sie zu finden. [1]

Man braucht sogar mehrere Methoden.


4.2.6 Der heutige Stand nach der Konstruktivismus-Debatte

Man hat im 21. Jh. erkannt,

  • dass man Lehrmethoden von Lernmethoden unterscheiden sollte, und
  • dass die Lernmethode von der Lernsituation abhängt.

Man erhofft sich einiges von offeneren Unterrichtsformen (siehe späteres Kapitel: entdeckendes Lernen, Problemorientierung, Projektunterricht, handlungsorientiertes Lernen), in denen der Unterrichtsverlauf nicht von vornherein starr fixiert ist ("geschlossen").


In den nächsten beiden Einheit kümmern wir uns darum, wie man methodisches Handeln von Lehrenden beschreiben kann.


Zur eigenen Kontrolle (keine Lösungen sinnvoll):

  1. Zu welchem Ergebnis sind Sie persönlich gekommen? Ist methodisches Vorgehen Ihrer Meinung nach sinnvoll oder engt es den "freien Geist" unnötig ein?
  2. II: Denken Sie an den durchschnittlichen Chemie-Unterricht Ihrer Schulzeit. Ordnen Sie diesen in eine historische Zeit ein.
  3. III: Viele Lehrende verwenden die Ausdrucksweise "Lehr/Lernmethode", was suggeriert, dass die Begriffe synonym verwendet werden können. Diskutieren Sie diesen Sachverhalt.

Download der Abbildungen als PowerPoint  - Präsentation

    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de