Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 4.01 - 4.02


4 Unterrichtsmethoden

oder:
Wozu brauchen wir Methoden? Wir haben 12 Jahre lang Unterricht erfahren (müssen) und somit ausreichend Erfahrung wie Unterricht geht. Wozu noch Methoden lernen?


Zitat: "Wenn der Lehrer schon nicht schöpferisch sein kann, so sollte er doch mindestens intelligent sein, und wenn nicht das, so methodisch. Ist er aber in seinem Unterricht nicht einmal methodisch, so ist alles vergebens." Ingenkamp, nach [1].


Hintergrund

4.1 Brauchen wir (Unterrichts)Methoden?

"Nein" würden viele antworten. Unter anderem die meisten Fachprofessoren, manch "erfahrener" Lehrer sowie viele Laien, die in lehrende Funktion geraten.

Aufgabe: Vergleichen Sie Ihre Dozenten an der Universität mit einem Ihrer durchschnittlichen Lehrer am Gymnasium bezüglich Verständlichkeit der Darbietung der Inhalte für einen Personenkreis mit Ihrer Vorerfahrung.

Sie werden vermutlich zu zwei Erkenntnissen kommen:

  1. Ja, es gibt Dozenten, die zwar über keinerlei Lehrmethodik verfügen, die aber dennoch in der Lage sind, Sie in ihrer Veranstaltung zu überzeugen. Das liegt daran, dass es durchaus geborene Naturtalente gibt, die ohne jede Ausbildung auf dem Gebiet das nötige Einfühlungsvermögen in ihre Zuhörerschaft mitbringen, um ihnen ihre "message" schmackhaft zu machen. Meistens können diese Naturtalente gar nicht erklären, warum sie so gut ankommen.

  2. Nein, es sind nicht viele. Genau genommen kennt man höchstens einen in einem Fachbereich von 30-50 Dozenten. Würden wir in Schulen allein auf Naturtalente bauen, hätten wir Klassenstärken von 500 und mehr Schülern.

Glöckel hat in [1] eine Reihe von Fehlauffassungen gelistet:

1. "Sachkenntnis ersetzt Methode". Bedeutet: wenn man nur genug Chemie können würde, dann könne man sie auch lehren. Die Meinung ist bei Fachchemikern in der industriellen Lehre und an Universitäten weit verbreitet. Vermutlich wurde sie von F. A. Wolf vor 200 Jahren erstmals schriftlich festgelegt: "Habe Gelehrsamkeit und dir wird die Gabe zu lehren nicht fehlen." Allerdings sagte etwa zur gleichen Zeit G. C. Lichtenberg, Philosoph und Ordinarius für Physik an der Universität Göttingen ca. 1780:

"Wer nur Chemie kann, kann auch die nicht richtig."

Vertreter obiger Auffassung haben eine selbstgestrickte, unreflektierte, ungeprüfte Methode, die sie wegen dieser Ungeprüftheit für gut halten (müssen) ("so lange man nicht nachmisst, kann man für jede Länge behaupten, sie betrage 1m").

2. "Erfahrung ist wichtiger als Methode". Die Auffassung kommt bei langjährigen Lehrern vor. Ihr Wirken ist höchst uneffektiv, da sie 30 Jahre benötigt haben, um eine (1!) Methode (eigentlich: eine Hypothese) zu entwickeln, wobei die Überprüfung noch vollständig fehlt und die Übertragbarkeit auf einen Lehrling, andere Fächer, andere Schulstufen sicherlich fehlt. Merke: das Rad ist schon erfunden!

3. "Es gibt nur eine richtige Methode, nämlich meine". Der betroffene Personenkreis findet sich ebenfalls bei "erfahrenen" Lehrern, leider auch bei manchen Seminarlehrern. Vertreter übersehen gerne, dass Lehrpersonen mit anderen Methoden auch Erfolge haben.

Meine Antwort:

  1. Wir brauchen keine Unterrichtsmethoden, denn Sie sind alle geborene Lehrer. Auch das folgende Studium sowie die anschließende "Referendarzeit" sind überflüssig. Machen Sie sich eine schöne Zeit.

  2. Sollten Sie an der Feststellung 1 Zweifel haben, brauchen wir doch Unterrichtsmethoden. Durch das Lehren von Unterrichtsmethoden lässt sich die Zahl der hinreichend erfolgreichen Lehrpersonen so weit erhöhen, dass Unterricht nicht in Großgruppen (n>500) nötig ist.

Schlussfolgerung:

  1. Die falsche Methode führt bestenfalls zu unbeabsichtigten Wirkungen.
  2. Die richtige Methode optimiert den Lernerfolg.
  3. Die Methode bestimmt das Lernendenverhalten (z.B. das Ausmaß an passiver oder aktiver Tätigkeit) und das Lehrendenverhalten (versteht er sich als Informationsquelle oder Lernprozessmanager?).
  4. Methodenwechsel ist im Unterricht unerlässlich, um
    • individuellen Lernstrategien der Lernenden Rechnung zu tragen und 
    • Stereotypien zu vermeiden, die sonst zwangsläufig zu Langeweile führen.

Zur eigenen Kontrolle (keine Lösungen sinnvoll):

  1. II: Stellen Sie Fehlvorstellungen zum Methodenbegriff zusammen.

    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de