Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19


3.4 Didaktische Regeln
Hinweise zu Lösungen für die Selbstkontrollen


  1. I: Formulieren Sie zu jeder didaktischen Regel ein Beispiel aus der Schulchemie.
    Vom Bekannten zum Neuen. In einer Einführungsstunde in den Themenkomplex Salze (Lehrplan 8.3) kann man Lernende verschiedene Salze probieren lassen. Darunter ist das bereits bekannte Natriumchlorid, welches im Alltag oft einfach als Salz bezeichnet wird. Damit wird vielen Lernenden suggeriert, dass es keine weiteren Salze gibt. Zum Testen kann man des Weiteren noch die essbaren Salze Natriumbromid und Kaliumchlorid (PhEur) anbieten. Lernende stellen dabei fest, dass es über Natriumchlorid hinaus noch weitere, neue Salze gibt, welche einen anderen Geschmack aufweisen.
    Vom Nahen zum Fernen - Räumliche Nähe. Man kann in einer Unterrichtseinheit den Ablauf in der nahegelegenen Müllverbrennungsanlage behandeln und dann eventuell eine Exkursion dorthin unternehmen. Dabei kann man Themen mit einfließen lassen wie zum Beispiel die Verbrennungsreaktion oder auch „vom Stoffgemisch zum Reinstoff“, da in solchen Anlagen oft zuerst Bestandteile wie Metall abgetrennt werden, um diese zu Recyceln. (Lehrplan 8.1)
    Vom Nahen zum Fernen - Zeitliche Nähe. Im Rahmen des Themas „Erdöl, Erdgas und Kohle“ in Jahrgangsstufe 10 kann man auf die gerade aktuelle Thematik „Fracking“ zur Erdöl- und Erdgasgewinnung eingehen. Dies erscheint Lernenden oft interessanter als die schon länger angewandte Methode der Erdölbohrung (an Land oder von Plattformen im Meer).
    Vom Nahen zum Fernen - Psychische Nähe. Im Unterricht kann ausgenutzt werden, dass Lernende oft vor den gleichen Problemen wie Forscher vergangener Zeit stehen und sich ähnliche Fragen stellen oder sogar ähnliche Hypothesen aufstellen, da sie einen ähnlichen Wissensstand haben. Mit Hilfe dieser Eigenschaft kann man Lernenden die Denkweisen der Forscher darlegen (die sich jene zu ihrer Zeit überlegt hatten) und sie so Schritt für Schritt bis auf den aktuellen Forschungsstand bringen. Dabei wird die psychische Nähe Lernender zu dem Forscher ausgenutzt, sofern Lernende die Chemie und Chemiker mögen und die Arbeit sympathisch finden.
    Vom Einfachen zum Komplizierten. Manche Themen werden zwar schon in niedrigeren Jahrgangsstufen angerissen, doch vertieft werden sie erst zu späteren Zeitpunkten behandelt, da sie in den niedrigeren Jahrgangsstufen meist noch kognitiv zu anspruchsvoll (zu kompliziert) für Lernende sind.
    Beispiele:
    • Redox als Rosten von Eisen (Jgst. 4-5) - Redoxreaktionen als Elektronenübergänge (Jgst. 9) - Redoxgleichgewichte (Jgst. 12)
    • Säuren als sauer schmeckend (Jgst. 4-5) - Säure-Base-Reaktionen als Protonenübergänge (Jgst. 9) - Protolysegleichgewicht (Jgst. 12)
    Vom Leichten zum Schwierigen. In der Anfangschemie beginnt man mit binären Verbindungen (aus 2 Elementen: NaCl, SO2, ...), später kommen ternäre (aus 3 Elementen) und mehr dazu: H2SO3, NH4K2PO4...
    Vom Konkreten zum Abstrakten. Erst sammelt man Erfahrungen mit dem konkreten Aussehen verschiedener Metalle (Fe, Cu, Au, Zn, Ti, Sn...), dann erklärt man ihre elektrische Leitfähigkeit mit Hilfe des abstrakten Elektronengas-Modells.

  2. III: Die didaktischen Regeln sind nicht exklusiv, d.h. dass z.B. zwei davon durchaus miteinander in Konflikt geraten können. Formulieren Sie so einen Fall.
    Bei der Behandlung der Atommodelle folgt man der didaktischen Regel „vom Einfachen zum Komplizierten“, jedoch widerspricht man dabei „vom Nahen zum Fernen - zeitliche Nähe“, da die einfacheren Modelle vor den komplizierteren entwickelt wurden.

  3. II: Ein vortragender Student der Veranstaltung "Übungen im Vortragen AC" beginnt seinen Vortrag zum Thema Quecksilber wie folgt: "Quecksilber ist ein Nebengruppenmetall und steht in Gruppe 12, Periode 6. Folglich besitzt es voll besetzte d-Niveaus und hat edle Eigenschaften. Es ist das einzige bei RT flüssige Metall im Periodensystem." Begründen Sie kurz, gegen welche didaktische Regel der Vortragende verstoßen hat.
    Vom Bekannten zum Neuen: Der Student baut nicht auf etwas Bekanntem auf. Er könnte herausarbeiten, welche bekannten Eigenschaften der Metalle auf Quecksilber zutreffen (metallischer Glanz, etc.) und dann dazu kommen, wie sich Quecksilber davon unterscheidet (bei RT flüssig).
    Vom Nahen zum Fernen - Räumliche Nähe: Er stellt keine räumliche Nähe für den Zuhörer her. Er könnte sich zum Beispiel erkundigen, welche chemischen Betriebe im näheren Umkreis Quecksilber in ihrer Produktion einsetzen.
    Vom Nahen zum Fernen - Zeitliche Nähe: Er stellt keine zeitliche Nähe her. Dies wäre zum Beispiel möglich, indem er die Problematik der Quecksilbernutzung bei der Goldgewinnung und –reinigung thematisiert.
    Vom Nahen zum Fernen - Psychische Nähe: Der Student stellt keine psychische Nähe her. Dies könnte er machen, indem er den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland (aus Kindertagen wohl bekannt) anführt. Hutmacher verwendeten früher Quecksilber zur Filzformung. Zu dieser Zeit war man sich der Giftigkeit von Quecksilber nicht bewusst. Man beobachtete lediglich, dass sie mit der Zeit „verrückt“ wurden. Dies ist jedoch auf den Schaden durch stetige Einwirkung von Quecksilberdämpfen zurückzuführen.
    Vom Einfachen zum Komplizierten: Würde er beim Einfachen anfangen, würde er zuerst auf die metallischen Eigenschaften von Quecksilber und dessen flüssigen Aggregatzustand bei Raumtemperatur eingehen und erst später auf die molekulare Ebene mit den d-Niveaus wechseln.


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