Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19, Seiten 3.31-3.33


3.4 Prinzipien der Anordnung von Inhalten I:
die Didaktischen Regeln


Sie erinnern sich: Auswahl und Anordnung von Inhalten lassen sich nicht klar voneinander trennen. Das war bereits dem Verfasser des allerersten Didaktik-Lehrbuches in der abendländischen Geschichte, COMENIUS (um 1650) klar, als er über didaktische Regeln schrieb. Ob er sie nur gesammelt oder sogar aufgestellt hat wird aus der Literatur nicht deutlich, vermutlich war es beides. Die Regeln hier sind aus den im Original "zehn Grundsätzen" abgeleitet [1]. Comenius' pädagogisches Grundprinzip war das "schnell, sicher und angenehme" (cito, tute et jucunde) Lehren. Daraus können fünf Regeln, die für die Fachdidaktik Chemie besonders wichtig sind, heraus interpretiert werden:


3.4.1 Vom Bekannten zum Neuen

Dieses alte Prinzip wird durch neuere Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigt: EINE erfolgreiche Art zu lernen ist, vorhandene Gehirnstrukturen (bereits Gelerntes) durch die neuen Erfahrungen zu verändern (Neues).

Bsp.: Bekannt ist, dass man dünne Metallteile verbiegen kann.

Variante 1: Ein dünner Gegenstand, der wie Metall aussieht, splittert aber beim Verbiegen. Das Gehirn schließt daraus: es ist kein Metall. Weitere Untersuchung bestätigt dies, es handelt sich um Silizium. Das Gehirn hat die (bekannte) Regel durch die neue Erfahrung bestätigt bekommen (Sichern des Bekannten als Basis für Neues).

Variante 2:  Ein dünner Gegenstand, der wie Metall aussieht, bricht beim Verbiegen. Das Gehirn schließt: es ist kein Metall. Weitere Untersuchungen zeigen, dass es sich um eine besondere Stahlsorte handelt. Das Gehirn lernt, dass es seine ursprüngliche pauschalere Definition (bekannt) auf Grund der (neuen) Erfahrung modifizieren muss.

Materialien zum Thema Lernen:

  1. W. Ingendahl: Lernen in der Hirnforschung. Juli 1997.
  2. A. Ziemke: Kann die Pädagogik von der Hirnforschung etwas lernen? Erziehungskunst, Heft 1, 2008, S. 31-40.

3.4.2 Vom Nahen zum Fernen

Wir unterscheiden:

  • Räumliche Nähe: Die Erfindung eines neuen, zukunftsträchtigen Nano-Materials an der Universität in der eigenen Stadt interessiert Lernende deutlich eher, als wenn dies an einer unbekannten japanischen oder chinesischen Universität geschehen wäre.

  • Zeitliche Nähe: Ein Verfahren, wie man moderne Süßigkeiten (Gummibärchen) herstellt wird i.d.R. als interessanter wahrgenommen als die Bonbon-Herstellung vor 100 Jahren.

  • Psychische Nähe: Indianern fühlen sich Kinder meistens mehr verbunden als einheimischen Dorfbewohnern des 17. Jh.

Was auf den ersten Blick nach einem Widerspruch zur räumlichen Nähe aussieht, ist es aus Sicht des Gehirns nicht, so lange es mit Indianern mehr (mediale) "Erfahrungen" zu haben glaubt als mit den eigenen Vorfahren derselben Zeit.


3.4.3 Vom Einfachen zum Komplizierten

Hierbei ist der eher objektive Schwierigkeitsgrad gemeint.

Quantitative Beziehungen in chemischen Gleichungen werden in der Regel als komplizierter empfunden als qualitative. Deswegen findet man quantitative Chemie in den Lehrplänen höherer Jahrgangsstufen verortet.


3.4.4 Vom Leichten zum Schwierigen

Hier ist eher das subjektive Empfinden von Lernenden gemeint.

Bsp.: Manche Lernende empfinden es als sehr schwierig, in Verhältnisformel-Gleichungen die Aussage von Koeffizienten von der der Indices zu unterscheiden.


3.4.5 Vom Konkreten zum Abstrakten

Diese Regel steckt teilweise schon in jener "vom Einfachen zum Komplizierten" drin.

Die sinnlich erfahrbare Stoffebene (Kochsalz ist ein weißer, kristalliner, typisch schmeckender Stoff) bereitet deutlich weniger Verständnisschwierigkeiten als die sinnlich nicht zugängliche Teilchenebene (im Kochsalz sind Chlorid-Anionen und Natrium-Kationen in einem kubischen Gitter abwechselnd angeordnet und werden durch elektrostatische Kräfte zusammen gehalten).

In der unterrichtlichen Praxis spielen die "gekonnten" Übergänge die entscheidende Rolle, wobei die Übergangsgeschwindigkeit eine individuelle Entscheidung ist.


Abb.: Beispiel für die Regel "vom Konkreten zum Abstrakten".

Gefahr: Kollision mit dem Prinzip der Wissenschaftlichkeit.


Zur eigenen Kontrolle:

  1. I: Formulieren Sie zu jeder didaktischen Regel ein Beispiel aus der Schulchemie.

  2. III: Die didaktischen Regeln sind nicht exklusiv, d.h. dass z.B. zwei davon durchaus miteinander in Konflikt geraten können. Formulieren Sie so einen Fall.

  3. II: Ein vortragender Student der Veranstaltung "Übungen im Vortragen AC" beginnt seinen Vortrag zum Thema Quecksilber wie folgt: "Quecksilber ist ein Nebengruppenmetall und steht in Gruppe 12, Periode 6. Folglich besitzt es voll besetzte d-Niveaus und hat edle Eigenschaften. Es ist das einzige bei RT flüssige Metall im Periodensystem." Begründen Sie kurz, gegen welche didaktische Regel der Vortragende verstoßen hat.

Hinweise zur Lösung.


Literatur:

  1. https://www.uni-kassel.de/fb01/.../Kapitel_17_Grosse_Didaktik.doc, 16.08.15


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