Didaktik der Chemie / Universität Bayreuth

Stand: 24.09.19,  Seiten 1.1-1.10


1 Einführung


Hinweise

1.1 Wo Sie herkommen ("feed back")

Aufgabe 1: Berichten Sie, inwieweit Sie in Ihrer Schule etwas selbständig tun durften und was dies war.

Aufgabe 2: Schildern Sie, was Ihre Lehrer taten, wenn sie unterrichteten.

Ihre Erfahrungen sind von der instruktivistischen Vorstellung von Unterricht geprägt. Dafür ist folgende Haltung kennzeichnend:

  • Es gibt eine objektive Welt, die jeder in gleicher Weise wahrnehmen kann.

  • "Der Lehrer" ist eine Person mit Erfahrungsvorsprung mit der objektiven Welt, "er" gibt diesen an "den Schüler" weiter.

  • "Der Schüler" erfährt von "dem Lehrer", wie die Welt ist und wie man sie wahrnehmen muss.


Abb. 1: Das didaktische Dreieck aus instruktivistischer Sicht.

Diese Vorstellung hat Sie als Lehramtsstudierende so stark geprägt, dass es sehr mühevoll bis unmöglich ist, Ihr Bild von Schule in der universitären Ausbildung in eine andere Richtung zu beeinflussen. Warum das so ist?

Weil es schon immer so war. Aus mittelalterlichen Abbildungen und Beschreibungen muss man entnehmen, dass sich in den letzten 500 Jahren die Ausbildungsweise in Schulen kaum verändert hat.

[1]
Abb. 2a-c: Schule im Mittelalter


1.2 Wo Sie stehen

Ihnen begegnen die universitären Veranstaltungsformen:

  • Vorlesung: ein Dozent präsentiert Inhalte in Form einer Serie von Vorträgen, die Teilnehmerzahl ist nur durch die Raumgröße beschränkt.
  • Seminar: ein Leiter ist den Teilnehmern (wenige bis ca. 25) fast gleichgestellt, letztere halten Referate oder diskutieren mit bzw. schreiben eine Seminararbeit zum Abschluss.
  • Übung: Teilaspekte einer Vorlesung oder eines Praktikums werden in Form von Aufgaben mit einem Leiter oder Tutor eingeübt.
  • Praktikum: Arbeitstechniken werden in praktischem Zusammenhang kennen gelernt und eingeübt.

Lernen funktioniert (auch) am Anschauungsbeispiel, d.h., dass der Veranstaltungstyp Vorlesung die meisten schon internalisierten Vorstellungen von Unterricht eher untermauert.


1.3 Wo Sie hin wollen / sollen ("feed up")

Auftrag: Notieren Sie, was Schule im Film von der unterscheidet, die Sie kennen.

Video: Treibhäuser der Zukunft, Ultrakurzfassung.

  • Lernen als Vorfreude auf sich selbst - nicht Mühsal.
  • Schule als lernende Organisation - nicht eine in Ruhe verharrende Institution.
  • Schule als Vorbild für Betriebe - nicht eine hinterher hinkende Organisation.
  • Schule muss hungrig machen - nicht satt.
  • Schüler respektvoll behandeln - nicht beschämen.
  • Schule als spannender Ort - nicht ein Ort beliebt wie der Zahnarztbesuch.
  • Ganztagsschule - nicht voll gequetschter Halbtag.
  • Der Raum als 3. Pädagoge, rhythmisierte Zeit als 4. Pädagoge - nicht Beschränkung auf den Lehrer als einzig Seligmachendem.
  • Individualisierung - nicht Pauschalisierung über eine ganze Klasse.

Dieser Vorstellung liegt eine ganz andere Haltung zugrunde: der konstruktivistische Unterricht.

  • Es gibt keine objektive Welt; jedes Gehirn konstruiert sich seine subjektive Welt auf Grund von individuellen Erfahrungen selbst.

  • Lernpartner nutzen die vom Lernbegleiter angebotenen Erfahrungsmöglichkeiten, um sich ihre Welt ein Stück weiter zu "konstruieren".


Abb. 3: Das didaktische Dreieck aus konstruktivistischer Sicht.


1.4 Warum Sie hin sollen

Aufgabe 3: Fragen Sie Ihre Eltern, sofern sie in der Wirtschaft arbeiten, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten ein Mitarbeiter bzw. Vorgesetzter haben sollte, den Sie schätzen würden.

Die Notwendigkeit des Sichtwechsels ergibt sich aus den Anforderungen der Gesellschaft, die zunehmend Selbständigkeit, Teamfähigkeit und lebenslanges Lernen (unter Aufrechterhaltung von Lernfreude) einfordert.

Aber auch wenn man nicht der Ansicht ist, etwas tun zu müssen, "weil es die Gesellschaft einfordert" - Persönlichkeitsbildung nach individuellen Vorlieben und Fähigkeiten ist allein im Konstruktivismus möglich.

Instruktion und Konstruktion schließen einander nicht aus. Wir werden sie im Bereich der Unterrichtsmethoden verbindend verwenden.


1.5 Wie Sie hin kommen ("feed forward")

Aufgabe 4: Beschreiben Sie was Sie tun, wenn Sie von sich sagen, dass Sie lernen würden.

In der Regel laufen die aus der weiterführenden Schule mitgebrachten Lerntechniken auf auswendig Lernen hinaus. Aus eigener Erfahrung kennen Sie die Vergessenskurve nach Ebbinghaus:


Abb. 4
: Vergessenskurve
von Rdb. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vergessenskurve.png#/media/ File:Vergessenskurve.png

Sie ist die logische Konsequenz aus unserer Lernstrategie. Einfache Wiederholungen verbessern das Ergebnis erst nach der 5. bis 6. Runde merklich. Das wirkt demotivierend und ist langweilig und wenig effektiv.

Bereitschaft für lebenslanges Lernen, Selbständigkeit im Sinne von Eigenverantwortlichkeit für den Lernprozess sowie Teamfähigkeit sind Kompetenzen, die man nicht in Vortragsveranstaltungen wie Vorlesungen oder Frontalunterricht erwerben kann. In der Pädagogik ist man sich einig, dass es hierfür Maßnahmen wie selbst organisiertes Lernen (SOL), selbst gesteuertes Lernen (SegeL), Projektarbeit, ganzheitliches Lernen... bedarf. Leider werden diese Prinzipien auch nicht in den anderen universitären Veranstaltungsformen wie Seminar und Übung umgesetzt. Einzige prädestinierte Form wären pädagogische und fachdidaktische Schulpraktika, die allerdings sehr knapp gehalten und auf Schulen angewiesen sind, die diese Prinzipien pflegen - letztendlich auch kein universitäres Personal in der Lehre.

Deswegen verfolgt die Didaktik der Chemie der Universität Bayreuth zwei Strategien:

  1. Beobachtung von Unterrichtsprozessen und Besprechung dieser Analysen.

  2. Versuch des beispielhaften Agierens und somit Versetzen der Studierenden in adäquate Lernenden-Rollen (Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Teamarbeit).


Abb. 5: Das didaktische Dreieck, sein Beobachter und Beziehungen zwischen den Beteiligten.


1.6 Die Didaktikausbildung in den Lehramtsstudiengängen Chemie an der UBT

Wir unterscheiden:

  • Didaktik  = Wissenschaft vom Lehren, und
  • Mathetik = Wissenschaft vom Lernen.

Beide sind untrennbar miteinander verbunden, weil man nach heutigem Verständnis nichts erfolgreich lehren kann, ohne gleichzeitig zu wissen, wie Lernen funktioniert. Die Ausbildung darüber, wie Lernen funktioniert, muss die Fachdidaktik der Psychologie- und Pädagogik-Ausbildung (EWS) überlassen.

In der Ausbildung zum Bachelor of Science (Lehramt) folge ich der praktischen Linie, wie Sie als Lehrender später Ihre Tätigkeit strukturieren:

  1. In dieser Veranstaltung geht es vom Großen zum Kleinen:
    • von der Aufgabe, eine größere Fülle an Inhalten auf die zur Verfügung stehende Zeit (Halbjahr, Schuljahr) zu verteilen,
    • über Kriterien, nach denen man aus der inhaltlichen Vielfalt die "Richtigen" auswählen und in gut zu bewältigenden Portionen und Niveaus aufteilen kann,
    • über Unterrichtsmethoden, die stets auf viele unterrichtliche Parameter abgestimmt sein müssen
    • bis zu den Detailentscheidungen, wer mit wem am besten wie zusammenarbeiten kann, um Unterrichtsziele zu erreichen.
  2. In weiteren Veranstaltungen sollen die erlernten methodischen Maßnahmen ergänzt werden durch Fähigkeiten und Fertigkeiten,
    • "Hilfsmittel" (Medien) für die eigenen Ziele einzusetzen (Übungen "Medien und ihr Einsatz im Chemieunterricht") sowie
    • Medien und Methoden im Sinne eines Unterrichtszieles gewinnbringend zusammen zu setzen (Übung "Planung von Unterricht").

Diese Ziele können im Modul FD-DC II im Verlauf der ersten 4 Semester erreicht werden. Sie werden ergänzt durch das fachwissenschaftliche Modul "Übungen im Vortragen" in den Semestern 5 und 6.

In der Ausbildung zum Master of Education kommen dazu:

  1. Umsetzung der Fähigkeiten in Fertigkeiten im Rahmen eines fachdidaktischen Schulpraktikums mit Begleitveranstaltung, in der konkrete Unterrichtsplanung vorgenommen und der entsprechende Unterricht nach besprochen wird. Des weiteren
  2. Detail-Fertigkeiten im Experimentieren im schulischen Kontext (Schulversuche) und
  3. Spezial-Kenntnisse und Fertigkeiten im lebensmittelchemischen Bereich (Lebensmittelanalytik und -produktion).

Die Fachdidaktik beider Fächer liefert dabei (einschließlich der fachdidaktischen Schulpraktika) max. 16% der Leistungspunkte.




Abb. 6:
Verteilung grundlegender Inhalte der Fachdidaktik Chemie auf Module.

Zitat:

"Wollen wir nur sämmtlich bedenken: DASS JEDER NUR ERFÄHRT, WAS ER VERSUCHT! Ein neunzigjähriger Dorfschulmeister hat die Erfahrung seines neunzigjährigen Schlendrians; aber hat er auch die Kritik seiner Leistungen und seiner Methode?... Möchten diejenigen, welche die Erziehung so gern bloß auf Erfahrung bauen wollen, (sich) ... bey der Chemie ... zu erkundigen würdigen, was alles dazu gehört, um nur einen einzigen Lehrsatz im Felde der Empirie so weit fest zu stellen, wie dies ... möglich ist. ... Erfahren würden sie da, daß man nicht eher von Erfahrung reden darf, bis der Versuch geendigt ist, bis man vor allem die RÜCKSTÄNDE genau geprüft,... Der Rückstand der pädagogischen Experimente sind die Fehler des Zöglings im Mannesalter."  Aus "Allgemeine Pädagogik", J. F. Herbart, Göttingen 1806, 9-11.


Hinweis: Das Lernzentrum Chemie an der UBT


1.7 Diese Veranstaltung

1.7.1 Inhalte

Die Inhaltlichen Ziele von "Grundbegriffe der Fachdidaktik Chemie" lassen sich so beschreiben:

Sie sollen die Fähigkeit erwerben, mit Hilfe von Fachsprache zu beschreiben, was Sie in Zusammenhang mit dem Fach-Unterricht tun, und Sie sollen aus Ihrer Berufswissenschaft, der Fachdidaktik, heraus begründen können, warum Sie es so und nicht anders tun.

Dies beginnt mit makromethodischem Maßnahmen, nach denen Inhalte aus der Gesamtheit der aktuellen Fachkenntnisse heraus ausgewählt werden. Fertigkeiten für die Grobplanung von Unterricht werden im Vorbereitungsdienst anhand konkreter Beispiele bzw. aus gegebenem Anlass der Übernahme einer Klasse ergänzt.

Inhalte setzen sich fort über Kenntnis der bedeutendsten Unterrichtsmethoden und ihrer Beschreibungsmöglichkeit.

Sie finden ihren Abschluss in mikromethodischen Maßnahmen, die die Stufen der Unterrichtsmethoden mit Leben füllen.

Eine genauere Beschreibung erfolgt später über das Kompetenzraster und den Advance Organizer.

Wichtiger Hinweis: Es genügt nicht, im 1. Semester das Skript auszudrucken und im 9. Semester daraus auf das schriftliche Staatsexamen zu lernen. Wesentliche inhaltliche Änderungen in der Zwischenzeit müssen für das Examen selbständig nachbereitet werden.

1.7.2 Methoden

Sie werden nicht so unterrichten, wie Sie es in Phase I (an der Universität theoretisch) oder in Phase II (an der Seminarschule praktisch) gelehrt bekommen, sondern so, wie Sie Unterricht erfahren haben.

In diesem Sinn werde ich stets versuchen, die favorisierten Methoden und Maßnahmen nicht nur vorzustellen, sondern auch vor-zu-leben.


Zur eigenen Kontrolle:

  1. Beschreiben Sie auf zwei verschiedene Weisen (je ein Satz), was Unterricht ist und sein soll.
  2. Beschreiben Sie in einem Satz, welches Ihrer Meinung nach die bedeutendsten Inhalte dieser Unterrichtseinheit sind.
  3. Geben Sie Vorschläge für Klausurfragen ab. Wenn mehr als drei eingehen, kommt eine davon dran.

Quellen:

  1. Quelle vom 05.11.2007 verschollen.

Download der Abbildungen als PowerPoint-Animationen


    E-Mail an: Walter.Wagner ät uni-bayreuth.de